Alkoholpropaganda


Die Karten der Alkoholpropaganda, Gegner der Abstinenz:

So vielfältig in Form und Inhalt wie die Alkoholgegner ihren Feldzug gegen die deutschen Trinksitten geführt haben, so einseitig waren die „Argumente“ der Alkohollobby: Belustigung über die vermeintliche Genussfeindlichkeit der Abstinenten, Ironisierung ihrer Motive und Sarkasmus über ihr angebliches Pharisäertum und ihre Verbohrtheit waren die Mittel, mit denen man versuchte die Anti-Alkohol-Bewegung herabzusetzen und unglaubwürdig zu machen.

Zum X. internationalen Kongreß gegen den Alkoholismus in Budapest 1901 erschien eine ganze Serie von Karten des „Alkoholkartells“, von denen wir hier drei zeigen:

Postkarte 1901: Karte vergrössern

Auf dieser Karte werden die Alkoholgegner als die einfältigen Sieben Schwaben dargestellt, die so dumm sind das harmlose Bier wie einen Hasen - als scheinbar gefährliche Form des Alkohols - zu bekämpfen.

Karte nicht gelaufen, ca. 1901

Postkarte 1901: Karte vergrössern

Hier wie auch auf der nächsten Karte werden die Abstinenten als genussfeindliche, abgemagerte Asketen diffamiert.

Karte nicht gelaufen, ca. 1901.

Postkarte 1901: Karte vergrössern

Demgegenüber erscheinen die Freunde des Alkohols als gesund und wohlgenährt, die wissen, wie man es sich gut gehen lässt.

Karte nicht gelaufen, ca. 1901

Postkarte 1899: "Da Sie in letzter Zeit sehr häufig in Situationen gesehen wurden,welcher an Ihrer Übereinstimmung mit unserem Streben keinen Zweifel lassen, so ernennen wir Sie zum EHREN-MITGLIED unseres ANTI-ALKOHOL VEREINS!" Karte vergrössern

Besoffener wird Ehrenmitglied des Anti-Alkohol-Vereins: Das Propagandamittel, Abstinenten nicht zu glauben, dass sie auch ohne Alkohol zufrieden sind und der Bigotterie zu bezichtigen, kommt auf dieser Karte einmal mehr zum Einsatz. Tatsächlich spiegelt es nur die eigene Unfähigkeit der Trinker wieder, sich nicht vorstellen zu können, jemals ohne Alkohol zu leben.

Feldpostkarte 1899.

Postkarte 1900: Karte vergrössern

Dass die Mitglieder der Gesellschaft gegen den Missbrauch des Alkohols selbst die schlimmsten Säufer seien, dieser Glaube scheint auch international sehr verbreitet zu sein. In Frankreich scheinen sich diese Pharisäer am liebsten mit Absinth voll laufen zu lassen. Dabei man weiß nicht so recht, ob dieses Getränk deshalb so schlecht verträglich ist, weil die Konsumentin als Abstinenzlerin so wenig verträgt oder weil das Gebräu so giftig ist, weshalb es dann schließlich auch offiziell aus dem Verkehr gezogen wurde.

Karte Postal. gelaufen, Frankreich um 1900.

Postkarte ca. 1905: Karte vergrössern

Auch die Frauenliga gegen den Alkohol kehrt schwer betrunken von ihrer Konferenz heim.

Diese Karte ist aufwendig geprägt und war als Souvenir zu einer Ausstellung in Lüttich erhältlich,

Karte Postal. nicht gelaufen, ca. 1905

Postkarte 1904: Karte vergrössern

während diese Karte 1904 von Brüssel nach Ostende an ein gewisses Fräulein Marianne tatsächlich verschickt wurde. Wie Marianne auf diese Anspielung reagierte ist leider nicht überliefert.

Karte Postal. gelaufen, 1904

Postkarte 1912: "Mer drinke nor noch Bottermilch!" : Karte vergrössern

„Mer drinke nor noch Bottermilch“ Dass diese Kneipenbesucher mitnichten „nur noch Buttermilch trinken“ ist offensichtlich und stellt nur eine Veralberung der Abstinenzbewegung dar. Im Hintergrund sieht man denn auch eine Männergruppe, die sich über die vermeintliche Harmlosigkeit des Kneipenwirts und den Polizisten lustig macht. Auf der Rückseite der Karte findet sich ein entsprechendes Gedicht, das die Unglaubwürdigkeit der Alkoholgegner unterstreichen soll. Nicht selten waren es gerade die Wirte, die ihre Gäste regelrecht aufgestachelt haben, gegen die Abstinenzbewegung mit z.T. sogar handgreiflichen Methoden vorzugehen.

Karte gelaufen, 1912.

Postkarte ca. 1933-1940: "Vorsitzender des Mäßigkeitsvereins: 'Ich halt das nicht aus, schnell mal ´n gutes Riebeck-Bier." Karte vergrössern

Abstinenter trinkt Bier: Im gleichen Tenor zeichnet diese Karte den Abstinenten als Pharisäer, der Wasser predigt und selber Wein trinkt. Bemerkenswert dabei, dass namentlich eine Bierbrauerei („Riebeck“) sich dazu hinreißen lässt, Abstinente in dieser Form zu verunglimpfen.

Werbe-Karte (v. Paul Simmel, 1887 – 1933, erfolgreicher Karikaturist und Werbezeichner 1) nicht gelaufen, erschienen etwa in den 1920er Jahren.

Postkarte 1934: "Prohibition: 'Pst, have you noch eine Flasche gutes Riebeck-Bier in die Gepäck?'" Karte vergrössern

Die Riebeck-Brauerei hatte offenbar eine gezielte Werbekampagne für die Einzigartigkeit ihrer Biermarke an der Herabwürdigung der Abstinenzbewegung ausgerichtet: diese Karte soll nicht nur die Unwiderstehlichkeit des Riebeck-Bieres veranschaulichen, sondern auch die Absurdität der Prohibitionsmaßnahmen in den USA.

Werbe-Karte (P. Simmel) nicht gelaufen, gleiche Zeit wie vorige Karte.

Postkarte 1909: Karte vergrössern

20.00Uhr in Nebraska: Wie umstritten die Prohibitionsbestrebungen nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA selber waren, zeigt diese Karte. Motto: Keine Regelung und kein Verbot kann die Begierde der Männer nach Alkohol dämpfen. Konsequenz: Dann sollte man den Alkohol doch lieber ganz freigeben.

Karte gelaufen, 1909.

In diesem Zusammenhang gab es zahlreiche Publikationen des Alkoholkapitals, die ausschließlich die negativen Folgen der Prohibition anprangerten und für eine totale Abschaffung des Alkoholverbotes plädierten. Eine besondere Variante dieser Polemiken waren persönliche Erfahrungsberichte wie der des bekannten Schriftsteller Hanns Heinz Ewers. Unter der Überschrift „Die traurige Geschichte meiner Trockenlegung“2 machte er sich über die s.M.n. gänzlich misslungen Versuche der amerikanischen Abstinenzbewegung lustig, ihren Landsleuten und Amerikatouristen das Trinken zu verbieten.

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[1] „Seine Gestalten gehörten meist dem Kleinbürgertum an, (…). Auch den Mann mit der dicken Brieftasche hat er gezeichnet und seine Dummheit und Arroganz gezeigt. Aber selten steigerte er seinen Witz zur Satire; niemals rannte er Sturm gegen Dünkel, Eigennutz und unverdiente Vorrechte. Und den Proletarier hat er, der in manchen Jahren bis zu hundertzwanzigtausend Mark verdiente, kaum gekannt, und seine ausschließliche Tätigkeit für bürgerliche Verlage weckten auch nicht das Verlangen, sich dem Arbeiter zu nähern.“ Das war Paul Simmel, hrsg. von W. Lange Berlin 1956

[2] H. H. Ewers. Die traurige Geschichte meiner Trockenlegung, Berlin 1927