Das Blaue Kreuz[60]

 

Postkarte 1915: "Das Rote Kreuz!"

Dieser Name war Programm. Ähnlich wie das Rote Kreuz sich um die Verwundeten auf den Schlachtfeldern des 19. Jahrhunderts kümmerte[61], wollte das Blaue Kreuz „an der Rettung der Opfer des Alkoholismus arbeiten“[62]. Trinkerrettung mit Hilfe Gottes und seines Wortes auf der Basis „einer grenzenlosen Liebe, einer unermüdlichen Geduld und eines unerschütterlichen Glaubens“ war die Losung der ersten „treuen Kampfgenossen“ in dieser Schlacht[63].

Postkarte 1910: "Drachentöter Rochat! 1.	Louis L. Rochat, einer der Gründer der Blau-Kreuz-Bewegung, wird als der furchtlose Ritter St. Georg symbolisiert, der den schweren Kampf gegen den Alkohol - in Anlehnung an die Tötung des Drachens - unnachgiebig führt. Karte um 1900."

 1877 in der Schweiz von Luis-Lucien Rochat gegründet, findet das Blaue Kreuz sieben Jahre später auch seine Anhänger in Deutschland. 1885 entsteht in Hagen der erste Blaukreuz-Verein. Ausgerechnet ein gewisser Johannes Schluckebier hatte als erster die Enthaltsamkeits-Verpflichtung unterschrieben. Er wurde nicht nur seinem Namen untreu, sondern auch zu einem energischen Vorkämpfer für Abstinenz in der Gesellschaft wie im Blauen Kreuz.

 Das Blaue Kreuz ist – neben den Guttemplern – die älteste noch existierende deutsche Vereinigung für Abstinenz und gegen den Alkoholmissbrauch. Es dauerte allerdings seine Zeit, bis alle Mitglieder davon überzeugt waren, mit dem guten Beispiel der persönlichen Enthaltsamkeit voranzugehen. Zunächst war das Blaue Kreuz nämlich, wie der zwei Jahr zuvor gegründete „Deutsche Verein zur Bekämpfung geistiger Getränke (DVMG)“, ein Mäßigkeitsverein, der keineswegs für die völlige Abstinenz eintrat.

Postkarte 1910: "Oberst von Knobelsdorff, einer der deutschen Gründerväterund Propagandist des Blauen Kreuzes!"

 Die Trinker, die man z.B. am Samstag für ein Enthaltsamkeitsgelübde überzeugen konnte, waren häufig am Sonntag schon wieder betrunken. Und bei der Weltkonferenz des CVJM in London 1894 war noch so manch einer der (deutschen) Konferenzbesucher schwer enttäuscht, weil „es bloß Wasser, Milch und Tee, aber keinen Tropfen Alkohol“ gab.

Postkarte 1906: "3.	"Der Herr mein Panier", Titel des "Monatsblattes des Blauen Kreuzes", erste Ausgabe im Jan. 1897; Karte mit dem Symbol des Blauen Kreuzes und einem Vers des Alten Testamentes, "Es ist besser du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein" (Röm 14, 21); die Blaukreuz-Organisation ist auf dieser Karte nicht als Herausgeber erkennbar. Postal. gelaufen Jan. 1906."

 Mit dem Wein tun sich die Blaukreuzler noch immer schwer, weil er nach biblischer Auffassung „eine gute Gabe Gottes“ sei, die man nicht verbieten dürfe. Schon damals war aber bekannt, dass die „gute Gabe Gottes“ einem genesenden Alkoholiker verabreicht, diesen wieder zu einem heillosen Säufer macht. Dennoch gilt der Wein, der beim christlichen Abendmahl getrunken wird, nicht als Bruch des Enthaltsamkeitsgelübdes[64].

 Es ist allerdings nicht der Streit um Abstinenz oder Mäßigkeit, der über Jahrzehnte die Einheit der Blaukreuz-Bewegung  beeinträchtigte. Die fundamentalistische Anschauung wie der Kampf „gegen das größte Laster der Deutschen“ zu führen sei, spaltete immer wieder die Aktivisten und Vereine des Blauen Kreuzes.

Postkarte 1912: "4.	Auch diese Karte macht die starke Ausrichtung der Blaukreuzbewegung auf das Wort Gottes deutlich: "Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gabe", (2. Cor. 9, 15); Karte postal. Gelaufen 1912"

 Schon 1895 wird auf das Wesentliche in der Blaukreuz-Arbeit hingewiesen: “…wo man aber zuviel mit Abstinenz macht und das Evangelium nur so eine Nebenrolle spielt, da ist`s weit gefehlt.“ Dieser Grundsatz, „Evangelisation und Abstinenz, erst Errettung dann Enthaltsamkeit“, 1900 erneut bekräftigt, „ist nicht überall durchzuhalten. So sieht sich der Hauptverein immer wieder genötigt, die Notwendigkeit der Evangelisation herauszustellen und gleichzeitig seine `kirchlich neutrale Stellung´ zu betonen. Vereine, die sich hier anders entscheiden, können nicht länger mit dem Hauptverein zusammenarbeiten.“[65]

 Medizinische Ansätze von einzelnen Blaukreuz-Mitgliedern, wie dem Arzt, Dr. med. A. Sopp,  „in der sogar deutliche Parallelen zur späteren Forschungsarbeit von Jellinek zu erkennen sind“ finden kaum Beachtung. Maßgeblich für die Blaukreuz-Arbeit ist – bis Mitte der 1960er Jahre[66] –   eine Grundauffassung, die den Alkoholismus ausschließlich als Sünde versteht. Konkrete Hilfe für Betroffene und Alternativen für die herrschenden Trinksitten werden deshalb zunächst auch kaum angeboten oder, wo sie bestehen, sogar scharf kritisiert.

Postkarte 1915: "Eine alkoholfreie Restauration des Blauen Kreuzes!"

 Der Augsburger Blaukreuz-Verein hatte z.b. die Idee, mit der Einrichtung einer Kaffeehalle, eine Alternative zu den unzähligen, Gasthäusern und Kneipen, in denen z.T. ausschließlich alkoholische Getränke angeboten wurden, schaffen zu wollen. Nach einer energischen Ermahnung des Bundesagenten[67], Dietrich Goebel, „dass es für einen Verein nicht ratsam ist, Kaffeehallen einzurichten“, schien „die Sache in die rechten Bahnen gekommen zu sein“.

 „Den allgemeinen Kampf gegen den Alkohol und die Einrichtung solcher Häuser überlassen wir lieber Vereinen, die keine wichtigeren Aufgaben kennen. Wir wollen nicht eine äußere Besserungsarbeit treiben, sondern uns kommt es in erster Linie auf völlige Umwandlung des Menschen an.“

 Rückblickend ist es nur schwer nachvollziehbar, dass eine Abstinenzbewegung, die sich - angesichts eines gravierenden Elendsalkoholismus - der Rettung von Trinkern verschrieben hat, derartig sektiererisch verhielt. Dabei fallen insbesondere die abgrenzenden und rechthaberischen Positionen - auch anderer - Abstinenzverbände auf, denen die Behauptung der Verbandsmeinung offenbar wichtiger war, als der Versuch den Staat zu einer restriktiven Alkoholpolitik zu zwingen.

 Ausgerechnet zwischen den beiden konfessionellen Abstinenzvereinen, dem Blauen Kreuz und der katholische Kreuzbund, gab es einen deutlichen Unterschied in ihren gesellschaftlichen Bemühungen um Abstinenz. Das Blaue Kreuz hat sich jeglicher politischer Einflussnahme verweigert und seine Arbeit im Wesentlichen auf die Trinkerrettung beschränkt, ohne dabei den jeweils aktuellen Stand der Alkoholismusforschung zu berücksichtigen. Der Kreuzbund hat sich demgegenüber durchaus bemüht, Einfluss auf die Politik zu nehmen und hat insgesamt eine m.M.n. deutlich kooperativere und offenere Abstinenzarbeit betrieben.

Postkarte 1920: "Wo das Licht ist!", zeigt diese Karte holländischer Abstinenten-Bünde, die vom kirchlichen Blauen Kreuz in Schleswig-Holstein verteilt wurde.

 Doch selbst bei diesem operativen Geschäft beharrten die Blaukreuzler auf dem Anspruch der alleinigen Wahrheit und widersetzten sich der Kooperation mit denen, die „in der Alkoholfrage noch ohne Licht sind“. Dies bezog sich besonders auf die sog. „weltliche Abstinenzbewegung, (die) mehr und mehr in das materialistische und darum bibel- und christusfeindliche Fahrwasser (ge)lenkt wird.“

 Als einen dieser antichristlichen Lenker glaubte man den in der „Abstinenzsache mannigfach verdienten Prof. Forel“ ausgemacht zu haben, dessen Vorträge „dem Geiste des Materialismus entstammen“.[68] So teilte der Deutsche Hauptverein des Blauen Kreuzes (mit unverkennbarer Genugtuung, der Verf.) auf dem IX. Internationalen Kongreß gegen den Alkoholismus in Bremen mit, „dass (er) weder auf dem Bremer Kongreß noch auf dem 1. Deutschen Abstinententag offiziell vertreten (sei)“. Mit prominenten Sympathisanten der Arbeiter-Bewegung und Abstinenten-Gruppen, die die Alkoholfrage mit der Sozialen Frage verknüpften und mit einer christlichen Trinkerrettung nichts am Hut hatten, wollte man sich nicht liieren[69].

 So musste auch der Chronist der Blaukreuz-Geschichte, Heinz Klement, bedauernd feststellen, dass „mit dieser entscheidenden Stellungnahme (…) jede Zusammenarbeit verweigert (wird). Die hieraus folgende Weichenstellung bringt es mit sich, dass sich das Barmer Blaue Kreuz mehr und mehr von der Fachwelt abkapselt und ´einsam und unverstanden den von Gott gewiesenen Weg` geht.“

 Dennoch standen die Blaukreuz-Vereine[70] 20 Jahre nach ihrer Gründung bereits an zweiter Stelle der organisierten Abstinenten. Nur die Guttempler hatten mit 29.686 noch mehr Mitglieder. Weit abgeschlagen der DAAB mit 1.100 abstinenten Genossen. Dass die Blaukreuz-Bewegung noch um ein Vielfaches stärker und einflussreicher gewesen wäre, zeigen die zahlreichen Hinweise auf Abspaltungen und Austritte ganzer Ortsvereine.[71]

 Auch hier zeigt sich wieder der dogmatische Anspruch auf die alleinige Wahrheit und den rechten Weg bei der „Trinkererrettung“, gepaart mit einer Selbstherrlichkeit den anderen Abstinenzvereinen gegenüber, die ein einheitliches Vorgehen der Antialkoholbewegung verhinderte.

 Allerdings hatten die verschiedenen Gruppen ohnehin anderes im Kopf, als einen Zusammenschluss und eine Bündelung der Kräfte, um größtmöglichen Einfluss gegen das Alkoholkapital und auf die Alkoholpolitik des Staates zu nehmen. Ihnen ging es vor allem um die absolute Reinheit der eigenen Überzeugungen.

Postkarte 1920: Auf ironischer Weise wird die blaukreuzler These bestätigt

Auf ironische Weise wird die blaukreuzler These bestätigt

Wie nachdrücklich diese Auffassung die Blaukreuz-Arbeit bestimmte, dokumentiert ein Briefwechsel zwischen dem Geschäftsführer des Vereins sächsischer Volksheilstätte für Alkoholkranke, Dr. Meinert und dem gerade gekürten Generalsekretär des Blauen Kreuzes, Wilhelm Goebel. Meinert äußert sich „befremdet“ darüber, dass dem Blauen Kreuz die Position ausreiche, „Trunksucht sei eine Sünde“.

Er schreibt dann: „Bitte lassen Sie doch freundlichst Ihre Leser wissen, daß den heutigen Ärzten und Gebildeten die Trunksucht als eine Krankheit gilt. Es darf nicht den Anschein gewinnen, als ob das Blaue Kreuz in dieser vormals viel diskutierten Frage noch auf einem längst überwundenen Standpunkt verharre.“

 Die Antwort Goebels ist ebenso kompromisslos wie ungerührt: „Es hat nicht nur den Anschein, sondern es ist Tatsache, daß das Blaue Kreuz auf dem Standpunkt steht, daß die Trunksucht in erster Linie nicht eine Krankheit, sondern eine Sünde ist. Das Blaue Kreuz wird diesen Standpunkt auch unter keinen Umständen verlassen, denn es ist nicht an die Wissenschaft mit ihren stets schwankenden Ergebnissen, sondern an Gottes Wort gebunden.(…) Wir müssen (…) damit rechnen, daß zwischen dem Blauen Kreuz und der modernen Antialkoholbewegung dieselbe tiefe Kluft ist, die die biblische Lebens- und Weltauffassung von der modernen naturalistischen trennt.“

Selbst für damalige Verhältnisse, die wenig von Kompromissbereitschaft hielten, war dieser Widerstand gegen wissenschaftliche Erkenntnisse und ein derartiges Beharrungsvermögen auf religiösen Überzeugungen schwer begreifbar. Und so versuchte Meinert vor dem Hintergrund des gemeinsamen Glaubens wenigstens eine christlich-soziale Übereinstimmung mit Goebel zu erzielen: „Die Bibel aber soll uns nicht trennen, sondern einen. Mögen wir jeder in Christi Geist, der uns aus dem Neuen Testament so herrlich entgegenstrahlt, unser Liebeswerk an unseren Brüdern, den Trinkern verrichten. Dann wird ihm Gottes Segen nicht fehlen, mögen wir vermeinen, Sünder zu bekehren oder Kranke zu heilen.“

 Doch selbst diesen Versuch des gegenseitigen Respekts vor den elementaren Auffassungen des anderen, wies Goebel nicht nur gnadenlos zurück, sondern hub die Gräben so tief aus, dass an eine zukünftige Überschreitung nicht mehr zu denken war: „Bei aller Hochschätzung, die ich für Sie empfinde, eint uns die Bibel doch nicht, sondern sie trennt uns, solange Sie zu ihr und ihren Wahrheiten die Stellung einnehmen, die aus ihren Darlegungen spricht.“[72]

 Jemand, der so klar und eindeutig die Grundsätze seiner Bewegung verkündet und zu ihnen steht, der, so sollte man vermuten, scheut sich auch nicht, seinen Weg gegen alle Widerstände und Anfeindungen gradlinig und ohne Umwege weiter zu verfolgen.

 Die Entscheidung des Zentralvorstandes des Blauen Kreuzes sich nicht am 1. deutschen Kongreß für alkoholfreie Jugenderziehung zu  beteiligen, scheint diese Linie auch zu bestätigen: „Eine Reichsgottesarbeit, die nicht den Mut und die Kraft hat, den Weg einsam und unverstanden zu gehen, verliert bald ihren Charakter und ihre Stärke, weil sie sich von den klaren biblischen Linien entfernt.“

 Dieser Entschluss wurde im Jahre 1913 getroffen - ein Jahr vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges. Und nicht nur deshalb fühlt man sich an einen berüchtigten Satz erinnert, der in einer abgewandelten Version lauten könnte:„Wir Blaukreuzler fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!“

 Doch ausgerechnet dieser, zu keinen Zugeständnissen - selbst an seine Glaubensbrüder nicht - bereite Mann, Wilhelm Goebel, sinkt vor der kristallisierten Menschenverachtung, dem Antichrist, dem deutschen Faschismus auf die Knie. Damit keine Missverständnisse aufkommen: dieses Einknicken ist m.M.n. nicht das Ergebnis eines aussichtslos gewordenen Kampfes gegen eine übermächtige Staatsgewalt. Es scheint im Gegenteil zumindest teilweise in Übereinstimmung mit den ideologischen Anschauungen der Nationalsozialisten erfolgt zu sein.

 Schon 1930 nach der Auflösung des Reichstages und den bevorstehenden Neuwahlen wird „jeder einzelne Blaukreuzler“ an seine politische Neutralität gemahnt. „(Er) mag seine persönliche politische Überzeugung haben und demgemäß am Wahltag seine Stimme abgeben; aber das ist eine Privatangelegenheit, welche mit dem Verein nichts zu tun hat.“ Dabei war gerade der christliche Glaube den Nazis von jeher ein Dorn im Auge. Angesichts der Bedrohung durch die nationalsozialistischen Ideologie und den von ihr gegen alle Andersdenkenden ausgeübten Terror kann man diesen Aufruf zur Neutralität daher auch als eine heimliche Sympathieerklärung verstehen.

Nach der Machtergreifung äußerte sich der Deutsch Hauptverein (des Blauen Kreuzes) denn auch „in Dankbarkeit und im Vertrauen“ zu „der uns von Gott geschenkten Regierung (…), und daß es ihm (dem Hauptverein) eine Gewissenspflicht ist, in ständiger Fürbitte der Männer zu gedenken, denen Gott mit dem Wiederaufbau des Volkes und seiner politischen Führung eine so ungeheuere Verantwortung und unendlich schwere Aufgabe auferlegt hat.“

Gleichzeitig werden die Mitglieder mit dem Bibelwort Titus 3, Vers 1 aufgefordert, „untertan zu sein den Fürsten und der Obrigkeit“. Zwar wird dem Einzelnen das Recht eingeräumt  „gegebenenfalls seine Stimme zu erheben. Aber wenn sie nicht beachtet wird, soll er sich zufrieden geben. Er trägt dann keine Verantwortung mehr.“

 In diesem Klima der Unterwerfung, die teilweise in offene Unterstützung entartete hatte der Vorstand auch keine Bedenken seine früher geltenden Prinzipien sich allen alkoholgenerischen Kartelle und Verbänden fernzuhalten, über den Haufen zu werfen. Der Hauptvorstand löste sich gemäß „den im Dritten Reich geltenden Grundsätzen“ auf und gliederte sich der von den neuen Machthabern gegründeten „Reichsfachgemeinschaft gegen den Alkoholismus“ ein.

 Außerdem übertrug der Hauptvorstand alle seine Funktionen auf den Direktor des Hauptvereins, Wilhelm Goebel. Die Ortsvereine wurden in „Ortsgruppen“ umbenannt, und die neue Satzung war eine totale Kapitulationserklärung gegenüber dem Reichsministerium des Inneren, das nun alle wichtigen Entscheidungen des Vereins revidieren oder außer Kraft setzen konnte. Direktor Goebel wurde zum „Reichsführer des Deutschen Hauptvereins“ ernannt.[73]

Wie sehr einzelne Herrschaftsprinzipien der Nazis dem des Blauen Kreuzes entsprachen, bekannte – unfreiwillig – der Hauptvorstand bei der Durchsetzung des Führeranspruchs. „Insbesondere gilt dies bezüglich des Führergedankens, der im Hauptverein ja immer schon weitgehend praktisch in Geltung war.“ Goebel selbst äußert sich im Juli 1935 eindeutig positiv zum Nazi-Regime: „Ich bin dankbar dafür, daß wir in Deutschland jetzt wieder eine feste Regierung haben. Es ist selbstverständlich, daß wir hinter dieser Regierung stehen.“

 Dass dies keineswegs selbstverständlich war, bewies allein der Anlass dieser Rede. Goebel sah sich bei einer „Zusammenkunft der Ortsgruppenleiter und Beiratsmitglieder“ verschiedener Ortsgruppen veranlasst, zum Aufruf der Bekennenden Kirche Stellung zu nehmen: „Mit diesem Kampf haben wir im Blauen Kreuz nichts zu tun.“ Ausgerechnet Wilhelm Goebel, der immer der Verkündigung des Evangeliums Vorrang vor der Alkoholbekämpfung eingeräumt hat, zog sich nun auf einmal hinter die Trinkerrettung zurück. Und  „das machen wir am besten dadurch, (…) ohne nach links und rechts zu sehen…“

 Von der ehemals so betonten Evangelisation, der „völligen Umwandlung des Menschen“, wie sich Dieter Goebel einst äußerte, ist nun nicht mehr viel geblieben. Für viele Mitglieder des Blauen Kreuzes muss dieser Rückzug, der ja bis zur direkten Befürwortung des neuen Regimes ging, desillusionierend und enttäuschend gewesen sein, zumal die Bekennende Kirche mit ihren „Sechs Barmer Thesen“ [74] ausgerechnet die Glaubenswerte verteidigte, die von Goebel und seinen Gefolgsleuten so widerspruchslos aufgegeben worden waren. Nicht ohne Grund sah sich Wilhelm Goebel genötigt, ausdrücklich zu betonen, dass er nicht glaube, „daß einer sagen kann, ich hätte ihn je verraten und verkauft“.

Aber wahrscheinlich war es genau das, was einige Blaukreuzler empfunden haben. Heinz Klement kann denn anhand seiner Recherchen zur Geschichte des Blauen Kreuzes auch nur lapidar feststellen: „Über den Unmut innerhalb des Blauen Kreuzes wegen der politischen Einstellung Direktor Goebels liegen keine schriftlichen Unterlagen vor. Aber aus verschiedenen Artikeln im Monatsblatt[75] wird deutlich, daß die kritischen Anfragen aus den Reihen der Mitglieder nicht verstummten.“

 Die Motive, die die Vorständler des Blauen Kreuzes und insbesondere Wilhelm Goebel bewogen haben mögen, ihre Organisation strukturell, inhaltlich und ideologisch an den Forderungen der faschistischen Machthaber auszurichten, bleiben genauso im Dunkel wie der Widerstand der Mitglieder. Dass sich der Blaukreuzler Klement damit beruhigt, dass „die damals Verantwortlichen, in erster Linie Direktor Wilhelm Goebel, die besten Absicht hatten“, ist zwar ehrenwert und nachvollziehbar, aber einseitig und zu kurz gegriffen.

 Sich gegen jedweden Widerstand zu stellen, der sich für die Erhaltung kirchlicher Freiheiten und letztlich für den christlichen Glauben einsetzte, konterkarierte Goebels eigenen Neutralitätsanspruch. Er trat damit, ob gewollt oder ungewollt, für die uneingeschränkte Machtausübung des Nationalsozialismus ein und wurde durch die erklärte Opposition zur Bekennenden Kirche[76] zum Kollaborateur mit dem Antichrist.

 Wie weit der Führer des Blauen Kreuzes in der Anpassung an den Faschismus ging, zeigt auch die Anweisung an die „Ortsgruppenleiter“, Blaukreuz-Treffen und Versammlungen zu verschieben oder ausfallen zu lassen, wenn zur gleichen Zeit der Rundfunk eine Führerrede überträgt. „Wenn der Führer oder einer seiner Beauftragten zum Volke spricht, haben auch wir zuzuhören.“ Dass das Blaukreuz-Magazin Monatsblatt die Mitglieder 1938 darüber unterrichtet, zukünftig keine Kollekte mehr abzuhalten, wird angesichts der Diskussion um Sterilisation und Zwangsunterbringung von Alkoholikern in Konzentrationslagern zu einer Marginalie.

 Auf einer Konferenz des Bezirksvereins München des „Deutschen Vereins gegen den Alkoholismus“ am 26. Juni 1935 verstieg sich der Präsident Dr. Schuster zu der ungeheuerlichen Aussage: „Wir haben von uns aus versucht, einzelne Leute, die immer wieder in die Trunksucht zurückfielen, in Entziehungsheimen unterzubringen. Doch ist die Möglichkeit begrenzt… Ich möchte die Anregung geben, unverbesserliche Trunkenbolde in ein Konzentrationslager zu stecken, wo sie keinen Alkohol bekommen.“

 Immerhin sieht W. Goebel gewisse Einschränkungen, „wenn man die Trunksucht als Krankheit ansieht – und das geschieht doch durchweg –  , dann wäre es eine sehr große Härte, diese Kranken so hart zu nehmen, wie es bei bewussten Volksschädlingen geschehen muß“.(Unterstreichungen v. Verf.) Dennoch hält Goebel es für möglich, „daß solch ein Vorgehen (der KZ-Aufenthalt, Anm. des Verf.) den einen oder anderen unverbesserlichen Trinker zur Selbstbesinnung bringen könnte“.[77]

Nicht weniger erschütternd ist die Tatsache, dass Goebel „in der Diskussion um `erbgesunden Nachwuchs´ seine ursprünglich strikte Ablehnung der `Unfruchtbarmachung erbkranker und geistig minderwertiger Personen´ langsam aufgibt und sich aufgeschlossen gegenüber einer angeordneten Sterilisation äußert“[78]. Wenn man berücksichtigt, dass gerade der offene Widerstand der Bekennenden Kirche gegen das Euthanasie-Programm zu erheblichen Protesten auch in der Bevölkerung geführt hatte, so dass das die Mordaktionen offiziell gestoppt werden mussten, ist die Haltung Goebels besonders verwerflich.

An dieser grundsätzlichen Haltung des Blauen Kreuzes, dass „wir im Dritten Reich leben und arbeiten, (und) die positive Haltung zu ihm und zu seinem Führer eine unerlässliche Voraussetzung (dafür; Einfüg. durch Verf.) ist“ hat sich bis zur Niederschlagung des Faschismus nichts geändert. 1939, drei Jahre bevor Wilhelm Goebel starb, trat sein Sohn, Hans Goebel, seine Nachfolge als Schriftleiter an und bezeugte: „Daß ich in den bedeutsamen Fragen dieser Zeit die gleiche Stellung einnehme wie mein Vater. In derselben Dankbarkeit wie er blicke ich auch auf das, was Gott durch den Führer an unserem Volk und Vaterlande getan hat.“

In der Nacht des 30. Mai 1943 wurden bei „einem furchtbaren Bombenangriff sämtliche Häuser des Hauptvereins total zerstört und damit auch die Geschäftsstelle und der Blaukreuz-Verlag mit dem gesamten Inventar, einschließlich aller Akten und Dokumente.“

„Zum 31. Dezember (1986) zählt das Blaue Kreuz 151 Vereine und 65 Selbstständige Begegnungsgruppen. Dort werden von 4.849 Mitgliedern und 2.214 verpflichteten Freunden 6.431 Alkoholiker begleitet.“

 

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[60] Der Text bezieht sich im Folgenden überwiegend auf die Chronik des Blauen Kreuzes, die von Heinz Klement zum 100. jährigen Bestehen verfasst wurde. Diese Chronik ist gekennzeichnet von einem deutlichen Bemühen um Offenheit und selbstkritischer Betrachtung. Von dem häufig bei Jubiläen vorherrschenden Hang nach Vermeidung unangenehmer Erinnerungen und Beschönigung peinlicher Ereignisse ist hier kaum etwas zu spüren. Dass ein externer Betrachter ev. zu einer anderen Gewichtung der Ereignisse kommen kann und  eine andere Bewertung, insbesondere was die Person Wilhelm Goebels betrifft, vornehmen könnte, schmälert die Ausführungen Klements in keiner Weise.


[61] Am 22. August 1864 wird auf einer diplomatischen Konferenz das "Genfer Abkommen zur Verbesserung des Loses der Verwundeten auf dem Feld" nach zwei Wochen Verhandlung unterzeichnet. Dieses Abkommen sichert die Neutralität des Sanitäterverbands. Mit dieser Genfer Konvention wird dem offiziell gegründeten Roten Kreuz im Kriegsfall neutraler Schutz durch die Kriegsparteien garantiert.


[62] Heinz Klement: Das Blaue Kreuz in Deutschland, Wuppertal 1990; alle weiteren Zitate, soweit nicht anders gekennzeichnet, aus diesem Buch


[63] Dass es hier tatsächlich um eine Art Krieg ging, den Alkoholkrieg eben, zeigen u.a. die Agitationsschriften der beteiligten Gruppen, vielleicht sollte man besser sagen Truppen: eine Schrift des Schutzverbandes gegen die Übergriffe der Abstinenzbewegung nannte sich bspw. „An die Gewehre“ und die Agitationsgrundlage des Kreuzbundes hieß: „Patronentasche der Abstinenten“.  Die umfassenste Übertragung militärischer Auffassungen nahm die in Deutschland 1886 gegründete Sektion der Salvation Armee, der Heilsarmee vor, die ihre Mitglieder in Soldaten und Offiziere eingeteilt hat.


[64] So fordert die Enthaltsamkeitsverpflichtung des Blauen Kreuzes zwar: „Weisen Sie (daher) alle alkoholischen Getränke zurück.“ Aber einschränkend heißt es ein paar Sätze weiter: „Nehmen Sie nach Möglichkeit (Kennzeichnung durch Verf.) nur an alkoholfreien Abendmahlsfeiern teil.“


[65] „So kommt es zu einer öffentlich geführten Diskussion um die Aufnahme des Vereins Herford, und von einem der beiden Vereine in Soest erfolgt die Trennung. Der Nordbund schließt den Verein Pinneberg aus, und der Südbund gibt bekannt, daß `zwei oder drei Vereine ausgetreten sind, weil sie für den Genuß des Braunbieres waren`.“ H. Klement, ebenda, S. 53. Und in der Chronik des Blauen Kreuzes Hamburg zum 100. jährigen Bestehen wird betont: „Die damaligen Blaukreuz-Versammlungen sind nicht vergleichbar mit der heutigen Blaukreuz-Gruppenarbeit. Sie ähnelten mehr Evangelisationsveranstaltungen mit Predigt und persönlichen Lebensberichten.“ Christen helfen Suchtkranken – 100 Jahre Blaues Kreuz Hamburg, 1994


[66] Erst 1967 wurde im Jahresbericht eine kritische Haltung zu der bisherigen Alkoholismus-Position des Blauenkreuzes veröffentlich: “Die in unserer Gesellschaft  noch ganz allgemein verbreiteten Vorurteile gegenüber den süchtigen Alkoholikern beruhen u.a. auf der weitgehenden Unkenntnis der von der Wissenschaft im Verlauf der letzten Jahre geleisteten Forschungsarbeit über den Alkoholismus.“ Heinz Klement, a.a.O, S. 184f 


[67] Hauptamtlicher Reisender in Sachen Evangelisation und Abstinenz


[68]Der schweizer Psychiater August Forel ( 1848-1931) war einer der engagiertesten Mediziner der Jahrhundertwende, dessen Methoden und Erfolge bei der Trinkerbehandlung Aufsehen erregten. Er erkannte, dass nur die totale Abstinenz, den Alkoholiker heilen könne und setzte  in der 1888 ersten, in Europa gegründeten Trinkerheilstätte Ellikon auf das Prinzip der Selbsthilfe. Er war Mitglied im Guttemplerorden und sympathisierte mit dem „Soziademokratischen Abstinentenbund der Schweiz“,


[69] Dabei war die Zahl der sozialdemokratisch orientierten Kongressteilnehmer verhältnismäßig gering; die meisten kamen von den ebenfalls christlich-geprägten Guttemplern und aus dem bürgerlichen Deutschen Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke (DVMG)


[70] Mitgliederzahlen von 1904: Deutscher Hauptverein des Blauen Kreuzes (17.393), Evangelisch-kirchliche Blaukreuz-Verbände (1.976) und Blaukreuz-Verbände der Methodistengemeinden (600 geschätzt); H. Klement a.a.O.


[71] „Das konsequente Festhalten an dem Grundsatz von Evangelisation und Abstinenz führt im Südbund zu einem langsameren Wachstum.“ Bei den großen Vereinen ist „eher ein Zurückgehen als ein Wachstum zu verzeichnen.(…)Diese letzte Erscheinung erklärt sich wohl daraus, dass bei dem allenthalben entbrannten Kampf gegen den Alkohol mehr und mehr auch die Guttempler und die Alkoholgegner ihre Scharen sammeln und hierbei manche Glieder, die sich im Blauen kreuz wegen seiner ausgesprochen religiösen Richtung nicht so recht wohl fühlen, in eines der anderen Lager übertreten.“, H. Klement, a.a.O.


[72] Alle Zitate aus H. Klement, a.a.O.


[73] Schon 1934 muss die neue Namensgebung mit Kreisverbänden, Kreisleitern, Gauen und Gauleitern wieder geändert werden, weil diese Bezeichnungen nun ausschließlich den Organisationsformen der NSDAP vorbehalten sind.


[74] So heißt es z.b. in der ersten der Barmer Thesen: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

 

[75] Auch dieses Mitteilungsblatt des Blauen Kreuzes ist ein Zeugnis der Anpassungspolitik des Vorstandes, der widerspruchslos den ursprünglichen Titel von „Der Herr mein Panier“ in „schlicht und einfach Monatsblatt“ umbenannte.


[76] Die Bekennende Kirche verstand sich (zunächst) nicht als politische Opposition gegenüber den neuen Machthabern, sondern wehrte sich gegen die Übernahme des Arierparagraphen für protestantische Geistliche und die Vereinnahmung durch die rechtsextreme „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ Diese kämpften für „die Befreiung von allem Undeutschen im Gottesdienst und im Bekenntnismäßigen, Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lernmoral,…,daß alle offenbar entstellten und abergläubigen Berichte des Neuen Testamentes entfernt werden…“ Vor diesem Hintergrund rief Pfarrer Martin Niemöller zur Gründung des Pfarrernotbundes auf, der zu einer der wichtigsten Wurzeln der Bekennenden Kirche wurde und die Gleichschaltung der evangelischen Kirche in die Reichskirche der Deutschen Christen verhinderte. Wer sich weigerte am Widerstand gegen die offensichtliche Verfälschung der christlichen Lehre durch die Deutschen Christen zu beteiligen, gab in der Konsequenz seine eigene Glaubensgrundsätze auf. Genau dies aber geschah durch die Männer um Wilhelm Goebel.

  

[77] Die Hoffnung, Goebel hätte sich bez. der Krankheitsdefinition des Alkoholismus inzwischen der gängigen Meinung genähert, verliert sich angesichts seiner – man kann es kaum anders sehen – rassistisch anmutenden Gesamtausführung.


[78] Goebel trifft sich hier fatalerweise ausgerechnet mit den von ihm zutiefst abgelehnten, materialistischen Ideologen des DAAB, die ebenfalls einer Sterilisation von Alkoholikern unter bestimmten Bedingungen zustimmten (s. Kapitel DAAB)


[79] Die Voraussetzungen und Definition dessen was und wie wissenschaftliche Forschung zu sein hat, nagelt von vorne herein Art und Methode der Herangehensweise sowie des Untersuchungsgegenstands selber fest und wirkt damit schon regulierend und reduzierend auf die möglichen Schlussfolgerungen. Ausgeschlossen ist per se alles, was sich einer wissenschaftlichen Methode entzieht, weil der Betrachtungsgegenstand keine Abstraktionen zulässt oder nicht messbar ist. Und damit alles was individuell, unverwechselbar, einmalig oder unrekonstruierbar ist. Das heißt in diesem Falle das emotional bestimmte Bedürfnis nach Nichtwahrnehmung einer momentanen Situation oder nach temporärer Überwindung einer als negativ erlebten Befindlichkeit, der Wunsch nach einem zeitweiligen Anders-Sein, des Wegträumens, des Vergessens oder der Allmacht. Wenn diese irrationalen Bedürfnisse mittels des Alkohols verwirklichbar werden, quasi mit ihrem materialisierten Pendant, ihrer Verstofflichung, eine neue „zauberhafte“ Einheit bilden, dann ist die Unmöglichkeit der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit perfekt. Eine Annäherung und Erforschung mit wissenschaftlichen Methoden scheitert. Was aber in dieser Weise einer wissenschaftlichen Untersuchung unzugänglich bleibt, existiert auch nicht. Damit unterscheiden sich Abstinenzler und einige Historiker gar nicht so sehr voneinander.


[80] Immerhin konstatieren einige Neurologen selber die Begrenztheit ihrer Forschungsergebnisse: „Aller Fortschritt wird aber nicht in einem Triumph des neuronalen Reduktionismus enden. Selbst wenn wir irgendwann einmal sämtliche  neuronalen Vorgänge aufgeklärt haben sollten, die dem Mitgefühl beim Menschen, seinem Verliebtsein oder seiner moralischen Verantwortung  (und ich füge hier dazu, auch seinem Alkoholismus, der Verf.) zugrundeliegen, so bleibt die Eigenständigkeit dieser Innenperspektive doch erhalten.“ Christian E. Elger u.a., Das Manifest; zitiert in Dietrich Treber: Defensiv oder expansiv? standpunkt:sozial 5/2005, Hamburg


[81] Bezeichnenderweise wird der Alkoholmissbrauch in vielen Untersuchungen ausschließlich als ein isoliertes, individuelles Phänomen betrachtet, dessen gesellschaftliche Auswirkungen unter dem ökonomischen Blickwinkel als Produktivitätshindernis betrachtet werden. Die emotionale, familiäre moralische Kategorie der Trinkfolgen bleiben demgegenüber eine Marginalie.


[82] Der Begriff Kontrollaufgabe ist in diesem Zusammenhang missverständlich, weil er einen bewusst-steuerbaren Akt der Aufgabe von Kontrolle suggeriert. Tatsächlich ist der Entschluss, wenn er denn überhaupt als solcher gefasst wird, nur bis zu dem nicht rekonstruierbaren Augenblick des Eintritts in den Rauschzustand - als Ausdruck und Zustand des Kontrollverlustes -, auch ein bewusster Entschluss. Danach, ja schon unmerklich auf dem Weg dahin, ist die bewusste Entschlussfähigkeit außer Kraft gesetzt. Eigentlich stellt der Berauschungsprozess genau das Gegenteil von Bewusstheit und Kontrollfähigkeit dar.


[83] Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, Frankfurt 1976


[84] Sehr häufig hat sich dieses Phänomen bei Alkoholikern gezeigt, die sich einer stationären Entwöhnungsbehandlung unterzogen haben: erst unter langfristig nüchternen Verhältnissen und therapeutischer Begleitung rekonstruierten die Patienten mühsam den Verlauf ihrer Suchtentwicklung und den Zeitraum des qualitativen Umschlagens vom missbräuchlichen in den anhängigen Konsum. Kaum einem Patienten war dieser „Qualitätssprung“ während seiner Konsumphase bewusst geworden, subjektiv fühlten sie sich immer noch als Herrscher über ihr Trinken und nicht als Beherrschte.


[85] Ulrich Wyrwa, Branntewein und „echtes“ Bier, Kapitel: Generationen und ihre Erfahrungen; Hamburg 1990


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