Alkoholfreie Ersatzgetränke - z. B "Bier", Kaffee und Brause

Aber auch Kaffee, Tee oder Kakao waren damals, ganz anders als heute, kein alternativer Flüssigkeitsersatz  für die Durchschnittsbevölkerung. Erst im 18. Jahrhundert nach Europa eingeführt, stieß die Verbreitung dieser "Nüchternheitsgetränke" auf beträchtlichen Widerstand der Herrschenden. Ganz im Sinne seiner adligen Landbesitzer drückte z. B der preußische König, Friedrich der Große, seinen Unmut über die zunehmende Vorliebe seiner bürgerlichen Untertanen für den "Türkentrank" aus: "Es ist abscheulich, wie weit es mit der Konsumption des Kaffees gehet., sind Se. Königl. Maj. Höchstselbst in dero Jugend mit Biersuppe erzogen, mithin können die Leute dorten so gut mit Biersuppe erzogen werden, das ist viel gesünder wie der Kaffee."[1]

Postkarte von 1900: Adliges Paar probiert die neue "Thee"-Sendung "Vor hundertsiebzig Jahren"

Ein adliges Pärchen studiert die Thee-Rechnung seines Lieferanten Hein. Wilh. Schmid. Während dessen läßt es sich von einem Diener eine erste Tee-Probe im Samowar zubereiten. Diese Ansichtskarte verdeutlicht den sozialen und ökonomischen Stand von Tee-Konsumenten um 1730. Nur der Adel und reiche Bürger waren in der Lage sich diese neumodischen Getränke zu leisten.

(AK der Fa. Hein. Wilh. Schmid, ca. um 1900)

Trotz der hohen Besteuerung von Kaffee und Tee[2], womit sie für die Masse der Bevölkerung unerschwinglich wurden, traten diese alkoholfreien Getränke einen unaufhaltsamen Siegeszug an, der den Kaffee heute zu dem meist konsumierten Getränk in Deutschland werden ließ.[3]

Das Problem für die Gegner des Alkohol, kein von den Konsumenten wirklich akzeptiertes Ersatzgetränk anbieten zu können, war ein grundsätzliches und unauflösbar. Die Menschen tranken Alkohol in erster Linie wegen seiner bewusstseinsverändernden  und berauschenden Wirkung, weniger um ihren Durst zu löschen. Das Bier nahm dabei eine Doppelrolle ein; je nach Alkoholgehalt, der bei Doppelbockbieren immerhin bei bis zu 10 Vol./Proz. liegen konnte und damit dem Wein sehr nahe kam, erfüllte es sowohl berauschende als auch durstlöschende Funktion. Branntwein war dagegen eindeutiges Rauschgetränk, das den Flüssigkeitshaushalt des Körpers negativ beeinflusste.

Postkarte von 1900: Reklame für "Thee- und Kakaoversand" - Georg Jos. Meier&Co., Nürnberg

Auch diese Karte zeigt noch die gewisse Exklusivität, die die Nüchternheitsgetränke wie W. Schivelbusch sie genannt hat, umgab. Elegantes Teegeschirr aus feinstem Porzellan mit leichtem Waffelgebäck für den täglichen 5-Uhr-Tee, macht diesen extravaganten Konsum für die Masse der Bevölkerung unmöglich.

(Reklamekarte der Firma Jos. Meier & Co. ca. um 1910)

Jedes Substitut war darum für die Mehrzahl der Alkoholkonsumenten mit dem Mangel der Wirkungslosigkeit behaftet. Für die konsequenten Abstinenzler wie die Guttempler gab es nur eine Lösung aus diesem Dilemma, die vollständige und grundsätzliche Ablehnung des Alkohols eben wegen seines Rauschcharakters. Dass die bewusstseinsverändernde Komponente gerade seine Beliebtheit ausmacht und durchaus für eine Mehrheit  der Konsumenten eine kontrollierbare Größe darstellt, musste die Nüchternheitsbewegung konsequent leugnen. Mit ihrer radikalen Abstinenzpolitik, die sie versuchten mit sozialen, gesundheitlichen und medizinischen Argumenten zu begründen, blieben sie für einen Großteil der Bevölkerung unglaubwürdig und suspekt.

Postkarte von 1900: Bürgerliches Paar beim Kaffee-Trinken. - Kaiser´s Kaffee-Geschäft.

Ebenfalls um die Wende zum 20. Jahrhundert stellte der Kaffeekonsum keineswegs eine allgemein-gesellschaftliche Normalität dar. Die Karte suggeriert den Blick durch einen Kneifer hinter dem ein biedermeierliches Ehepaar Kaffee genießend zum Vorschein kommt. Auch hier wird das schwarze Gebräu in schicklichen, zwiebelgemusterten Porzellantassen getrunken. Im wahrsten Sinne des Wortes ist es der wohlbetuchte und sichtbar selbstgefällige Bürger „nebst Frau“ die sich den Kaffee in angemessenem Ambiente leisten können.

( Reklamekarte für "Kaiser´s Kaffee-Geschäft" um 1900)

Die Erfahrung der Menschen im Umgang mit Alkohol war eine andere; trinken in Maßen,     - nicht in Maßkrügen! - und mit Bedacht, d.h. unter konsequenten Regeln, schadet nicht. Dieser Realität trugen die Konkurrenten der Guttempler, der Deutsche Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke (DVMG), mit ihrer Alkoholpolitik durchaus Rechnung. Sie akzeptierten nämlich das grundsätzliche Bedürfnis der Konsumenten nach alkoholhaltigen Getränken und traten für einen moderaten Konsum ein. Insbesondere das moderate Trinken von Bier galt für den DVMG ausdrücklich als eine empfehlenswerte Alternative zum Branntwein. Damit befanden sie sich allerdings im eindeutigen Widerspruch zu den Guttemplern und wurden ebenso zur Zielscheibe deren radikalen Abstinenzpolitik wie die eindeutigen Befürworter des Alkoholkonsums.

Hier zeigt sich ein auch für andere politische Auseinandersetzungen typisches Phänomen: anstatt die Gemeinsamkeiten zur Basis einer Aktionseinheit für ein gemeinsames Ziel zu stärken, werden die Unterschiede zu grundsätzlichen Gegensätzen erklärt und damit die Kraft der Bewegung in kleinkarierten Richtungskämpfen verpulvert. Solche Grabenkämpfe zwischen "verbündeten Gegnern" fanden z.B. 1903 auf dem internationalen Kongress gegen den Alkoholismus statt.[4]



[1] Brigitta Richter Berliner Bier – Der Brauerei- und Kneipenführer; Berlin 1993

[2] Nachdem die Abgaben zunächst als staatlicher Versuch angewendet wurden, um den Konsum zu unterdrücken, wirkten sie schließlich als willkommene Ergänzung der Staatshaushalte

[3] Bezeichnenderweise lassen sich kaum Postkartenmotive mit Kaffee- oder Teetrinkern finden, die in ihrer ironischen und entlarvenden Botschaft auch nur ansatzweise mit den alkoholischen Karten vergleichbar wären.

[4] siehe Klaus Dede, "Die verbündeten Gegner" Abstinenzler und Temperenzler auf dem IX. Internationalen Kongreß gegen den Alkoholismus 1903 in Bremen; Christian Marzahn (Hrsg.), "Genuß und Mäßigkeit", Bremen 1995


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Kampf der Brauwirtschaft um den Bierabsatz


Werbe-Plakat Holsten: Holsten-Bier vom Fass! Holsten Brauerei-Altona-Elbe

Der eigentliche Gegner hatte bis dahin - jedenfalls was den Konsum von Bier betraf - eine ausgesprochen erfolgreiche Alkoholpolitik betrieben. Der Ausstoß von Bier war kontinuierlich gestiegen, in der Brauwirtschaft hatte ein intensiver Konzentrationsprozess stattgefunden und Lagerhaltung, Produktionsmethoden, Flaschenerzeugung und der Patentverschluss hatten für einen beträchtlichen Innovationsschub gesorgt.

Immerhin setzte um die Jahrhundertwende - nach einer Phase des jahrzehntelangen Aufschwungs des Bierabsatzes - eine Trendwende ein. Welchen Anteil die Antialkoholische Bewegung daran hatte, lässt sich nicht eindeutig beziffern, die kritischen Stimmen gegenüber dem Alkoholkonsum an sich waren jedenfalls unüberhörbar geworden

Sie waren inzwischen so laut, dass sie auch der Brauwirtschaft unangenehm in den Ohren klangen und diese zu ideologischen Gegenreaktionen zwangen. [5]

Postkarte 193oer Jahre: Beste Braugerste durch Kali-Düngung

Dabei war die größte Sorge, dass staatliche Regulierungsmaßnahmen, den Bierabsatz beeinträchtigen könnten.   Der Herausgeber einer Heftreihe der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin, Prof. Struwe, empörte sich über diese drohende Entwicklung:

"Unter den sozialen Bewegungen unserer Zeit hat neuerdings die Bewegung gegen den Alkohol auffallend an Umfang und Stärke gewonnen, und zwar richtet sie sich meist nicht nur gegen den Alkoholismus, d.i. die Ausschreitungen des Alkoholkonsums - wogegen nicht zu erinnern wäre -, sondern gegen den Alkohol, d.h. gegen den Konsum aller alkoholischen Getränke schlechthin. In allen Tonarten predigen ihre Vertreter und Anhänger dem Volke die Notwendigkeit der völligen Abstinenz von jeglichem Alkoholgenuß," ,und können sich nicht genug darin tun, in immer neuen Wendungen und Bildern auch den mäßigen Genuß von Wein und Bier als den schlimmsten Krebsschaden für Land und Volk hinzustellen."

Die größte Sorge machte Prof. Struwe die offenkundige Kompromisslosigkeit der Abstinenzler: "So wenig es zwar bisher hat gelingen wollen, diese durch Fanatismus verblendeten Alkoholgegner eines Besseren zu belehren, so darf doch deshalb nicht unterlassen werden, alles zur Geltung zu bringen, was geeignet ist, die vielfach gegeneinanderstehenden Meinungen zu klären und die in haltlose Theorien und gehässige Übertreibungen bis zur Unduldsamkeit ausgeartete Bewegung auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen."[6]

Postkarte 1911: über die Vorzüge des Alkohols - "Betrunkene haben immer Glück"

Betrüblich sind die Ausführungen allein schon wegen der offensichtlichen Ignoranz, die gegenüber den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Alkoholismus an den Tag gelegt wird. Um die Jahrhundertwende war es in der Wissenschaft inzwischen unumstritten, dass Alkoholismus eine Krankheit darstellt und nicht eine bloß temporäre Entgleisung oder "Ausschreitung des Alkoholkonsums". Die eigentliche Absicht von Prof. Struwe die Auseinandersetzung mit den Alkoholgegnern zu Gunsten der Brauwirtschaft zu entscheiden, lag jedoch in der Diffamierung der Abstinenzbewegung als sachlichen Argumenten unzugänglichen Fanatikern.

Die Tatsachen, die er ins Feld führt, um die "verblendeten Alkoholgegner" zu widerlegen, sind Zahlen: "Nur Tatsachen beweisen bekanntlich, und diese ist in erster Linie die Statistik berufen zu bieten."[7] Es ist erstaunlich, dass Struwe selbst, den nur bedingten Interpretationsgehalt von Statistiken eingesteht, wenn er einräumt: "Freilich sagt ein altbekanntes böses Wort, daß man mit der Statistik alles beweisen könne."[8]

Postkarte 1911: über die Vorzüge des Alkohols - "Alcohol fördert den Wohlstand"

Wir wollen diesen Streit hier nicht weiter vertiefen, da er sich auf Ansichtskarten nur bedingt dokumentieren lässt. Es muss allerdings festgehalten werden, dass das Zahlenmaterial einen kontinuierlichen Anstieg des Bierkonsums von 1885 mit 88l./pro Kopf auf 125,1. im Jahre 1900 belegt. Danach gab es eine Abwärtsbewegung auf 119,4l. im Jahre 1905. Eine Verringerung des Konsums war auch bei Branntwein zu registrieren, der im Jahre 1893 noch bei 9,0l. lag und sich 1905 auf 7,4l. verringert hat. Bei Wein zeichnete sich eine gegenläufige Tendenz ab: seit 1898 erhöhte sich der Verbrauch von 3,5l. auf 7,3l. im Jahre 1905.

Eine Schlussfolgerung für den Alkohol lässt sich aus diesen Zahlen - auch im Vergleich mit anderen europäischen, bzw. "Haupt-Kulturländern"[9], wie Struwe sich auszudrücken pflegte - jedenfalls nicht ableiten. Ob der Alkoholkonsum der Bevölkerung eines Landes tatsächlich problematisch ist und in welchem Ausmaß, kann aus einer durchschnittlichen Pro-Kopf-Berechnung ohnehin nicht abgelesen wird [10]. Wenn man allerdings die Motivauswahl und –vielfalt der Ansichtskarten um die Jahrhundertwende zum Thema Alkohol betrachtet, dann scheint der maßvollen Umgang mit Alkohol für das deutsche Volk ein Buch mit sieben Siegeln gewesen zu sein; und daran scheint sich auch bis heute nicht wirklich viel verändert zu haben. Die durchschnittlichen Verbrauche haben sich nämlich kaum verändert.

Postkarte 1911:-"Wir trinken alle Bier!" - der 'gute' Alkohol

Die in der deutschen Trinktradition sich manifestierte umfassende Propaganda und Glorifizierung eines grenzenlosen Trinkverhaltens hatte einen Knacks bekommen. Unter diesen Voraussetzungen passierten die radikalsten Einschnitte seit Jahrhunderten in den deutschen Durst, nämlich die Kosten für den Kauf von Alkohol zu erhöhen.

Die Strategie der Brauer und Winzer zwischen gutem Alkohol, nämlich Bier und Wein und schlechtem, dem Branntwein, zu unterscheiden, erwies sich nicht nur in der Fachwelt als unhaltbar. Neben den Nüchternheitsvereinen[11] hatte sich nämlich auch in der Arbeiterschaft die Überzeugung verbreitet, dass der übermäßige Konsum von Alkohol dem Kampf um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und politischer Anerkennung abträglich ist.

Propaganda für den Arbeiterabstinentenbund - Zeichnung von Georg Wilke um 1910

Doch zurück zu den Ersatzgetränken und ihrer antialkoholischen Funktion.



[1] Brigitta Richter Berliner Bier – Der Brauerei- und Kneipenführer; Berlin 1993

[2] Nachdem die Abgaben zunächst als staatlicher Versuch angewendet wurden, um den Konsum zu unterdrücken, wirkten sie schließlich als willkommene Ergänzung der Staatshaushalte

[3] Bezeichnenderweise lassen sich kaum Postkartenmotive mit Kaffee- oder Teetrinkern finden, die in ihrer ironischen und entlarvenden Botschaft auch nur ansatzweise mit den alkoholischen Karten vergleichbar wären.

[4] siehe Klaus Dede, "Die verbündeten Gegner" Abstinenzler und Temperenzler auf dem IX. Internationalen Kongreß gegen den Alkoholismus 1903 in Bremen; Christian Marzahn (Hrsg.), "Genuß und Mäßigkeit", Bremen 1995

[5] "Der scharfe Kampf, den die Brauereien Anfang des Jahrhunderts gegen die Alkoholgegner führen mussten, zeigte die ganze Schwere der Gefahr, die den Brauereien und Gastwirten drohte. Aus der ursprünglichen Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs, an der auch die Berliner Brauereinen ihr Interesse bekundet hatten, war im Laufe der Zeit eine lautstarke Bewegung von Abstinenzlern und Prohibitionsanhängern geworden, die jeglichen Alkoholgenuß, also auch den mäßigen Bierkonsum, radikal bekämpften. Dabei entwickelten sie so extreme Formen einer skrupellosen Agitation, dass das Brauereigewerbe hiergegen entschieden front machen musste, umso mehr, als diese Agitation in anderen Ländern bereits einen bedenklichen Einfluß auf Gesetzgebung und Verwaltung gewonnen hatte. Das bevorzugte Angriffsziel der Abstinenzler waren die Brauereien.: Erich Borkenhagen, "125 Jahre Schultheiss-Brauerei", Berlin 1967 (Unterstreichung RMB)

[6] Veröffentlichungen der Wirtschaftlichen Abteilung des Vereins "Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin", hrsg. von Prof. Dr. E.Struwe: Der Verbrauch alkoholischer Getränke in den Haupt-Kulturländern, Berlin 1907 (Unterstreichungen RMB)

[7] Veröffentlichungen der., a.a.O.

[8] ebenda

[9] Das Deutsche Reich lag in diesem Vergleich immer unter den ersten vier Ländern; Quelle ebenda

[10] vergl. auch Hasso Spode, a.a.O., S. 249

[11] 1910 gab es in Deutschland 119 Abstinenz- und Temperenzverbände, die insgesamt 74 Zeitschriften herausgaben; vergl. Hübner a.a.O. S. 219



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