Klassenkämpfe an der Alkoholfront


Alkohol – regelmäßig, mäßig oder gar nicht?

Flugblatt um 1908: Broschüre "Deutsche Trinksitten in Amerikanischer Beleuchtung"

Flugschrift um 1900: "Der Alkohol und das Arbeitsleben des deutschen Volkes"

Flugschrift um 1900: "Alkohol und Verkehrssicherheit"

Flugschrift um 1900: "Alkohol und Verbrechen"

Flugschrift um 1900: "Alkohol auf dem Lande"

Es sind erst gute 100 Jahre her, da ging es dem jahrtausende alten Genuss-, Rausch- und Zaubermittel so richtig an den Kragen. Nach einem antialkoholischen Trommelfeuer der puritanisch-amerikanischen Abstinenzbewegung wurde der Alkohol von 1919 bis 1933 in den USA verboten. Auch in Europa kam alles was Bier oder Schnaps herstellte oder verkaufte durch einen massiven öffentlichen Druck der antialkoholischen Internationale ordentlich ins Schwitzen[1]. Das dauerte in Deutschland bis zur Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Bewegungen im Faschismus Anfang der 30er Jahre; dann beruhigte sich die Lage und der Alkohol begann sich auch ideologisch von der Defensive, in die er geraten war, wieder zu erholen. Mit dem Ergebnis, dass er seitdem von konsequenten Angriffen verschont blieb und seine vielschichtige Wirkung nahezu ungestört verrichten konnte.

 Wer heutzutage etwas über die Alkoholfrage wissen will, muss schon ziemlich tief eintauchen in eine elaborierte Welt aus Suchtspezialisten, Praktikern und Wissenschaftlern, die sich in Fachzeitschriften oder auf Tagungen vehement und z.T. schonungslos bekriegen, in der Öffentlichkeit jedoch kaum Beachtung finden[2]. Das war im 19. und bis Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts noch ganz anders. Damals wurde der Alkohol, seine Auswirkungen auf Individuum und Gesellschaft öffentlich diskutiert und Befürworter und Gegner lieferten sich in den Medien[3] und auf der Straße einen heißen Schlagabtausch.

 Dass die Alkoholfrage heute keine Rolle mehr in der Öffentlichkeit spielt, hat unterschiedlichste Ursachen, die hier zu untersuchen nicht der Ort sein kann. Gleichwohl kann ein Rückblick auf die damalige lebendige Debatte über die „Alkoholpest“ nicht schaden. Angesichts einer verbreiteten Abgestumpftheit sich in gesellschaftspolitische Fragen einzumischen, ist die über fast ein Jahrhundert von allen sozialen Schichten geführte breite Auseinandersetzung mit den Folgeerscheinungen des Alkoholkonsums ein eindrucksvolles Beispiel für eine lebendige, aktive Teilnahme großer Bevölkerungsteile an kontrovers geführten, gesundheitlichen und politischen Fragen.

Ob die Formen der Auseinandersetzung heute noch vorbildlich sein können, sei dahin gestellt. Die armselige Diskretion der heutigen Debatte ist es aber, vor dem Hintergrund der erheblichen Gefahren, die auch schon mit einem relativ geringen Alkoholkonsum verbunden sind[4], auch nicht. Eines kann man jedenfalls aus der Vergangenheit lernen: mit fachlich-wissenschaftlichen Argumenten über die Gefahren des Alkohol kann man gegen das Machtkartell aus ökonomischen und politischen Interessen von Staat und Alkoholproduzenten keinen Blumentopf gewinnen.

Und außerdem: was der einen Partei Programm ist, bedeutet für die andere gleich den Untergang. Wer Recht behält, muss nicht immer die besseren Argumente haben. Wissenschaftlicher Fachverstand ist eine Ware und damit käuflich. Im schlimmsten Fall von denen, die das meiste Geld haben. Und dann gilt Bier eben als Grundnahrungsmittel und Heilstoff und nicht als Alkohol. Alkohol ist jedenfalls auch ein Suchtstoff und Rauschmittel. Rauschmittel wirken auf das Unbewusste und das Emotionale; Rationalität und Sachlichkeit hatten da schon immer einen schweren Stand.

 

Einige Anmerkungen zu den politischen und sozialen Bedingungen des 19. Jahrhunderts[5]

Postkarte 1910: Dampfkran in Hamburg-Altona

Postkarte 1914: E-Werk in Arnheim

Der Wandel der Produktivkräfte - menschliche Arbeitskraft, Energie und Maschinen - und ihre Organisation in der Fabrikarbeit, zahlreiche Erfindungen (insb. die der Dampfmaschine) und ihre industrielle Nutzung führten zu einer gewaltigen Umwälzung der sozialen und politischen Verhältnisse. Die bisherige Basis der absolutistisch geführten Staatswesen, die bäuerliche Landwirtschaft, verlor in der Konkurrenz mit einer sich sprunghaft entwickelnden Industrialisierung an Bedeutung und wurde selbst Opfer einer gleichermaßen Arbeitsplätze schaffenden wie vernichtenden Maschinerie. Die Lebensbedingungen der Landbevölkerung, schon immer am Rande des Existenzminimums befindlich, verschlechterten sich im Vergleich zu den städtischen Lebensbedingungen immer mehr. Eine der größten Wanderungsbewegungen der Menschheitsgeschichte trieb die Landbevölkerung - hauptsächlich aus dem Osten Deutschlands - in die neuen industriellen Zentren oder gleich ganz in die Neue Welt. Es bildete sich eine neue gesellschaftliche Gruppe, die Arbeiterklasse, heraus, zu der inzwischen auch immer mehr Handwerker aus den unrentabel gewordenen kleinen Handwerksbetrieben stießen.

Postkarte 1912: Der Kaiser vertritt die Interessen der adligen Großgrundbesitzer durch Schutzzölle mit denen die Einfuhr ausländischer landwirtschaftlicher Erzeugnisse verteuert wird.

Der Kaiser vertritt die Interessen der adligen Großgrundbesitzer durch Schutzzölle mit denen die Einfuhr ausländischer landwirtschaftlicher Erzeugnisse verteuert wird.

 Diese Gruppe hatte noch keine Position in der alten Gesellschaft, in der Fürsten, Könige oder, nach der Reichsgründung 1871, der Kaiser und sein eiserner Kanzler Bismarck das Regiment führten. Die politischen Veränderungen hatten nach der misslungenen Revolution von 1848 zu einer Restauration der monarchischen Gewalt, an der nur das reiche Bürgertum einen gewissen Anteil hatte, geführt. Eine demokratische Regierung jedenfalls war das letzte, was diese Herrscherclique wollte. Eine repräsentative Beteiligung aller gesellschaftlich und sozial relevanten Gruppen an der Regierung war darum nicht vorgesehen. Schon gar nicht für die noch junge Arbeiterklasse.

 

Postkarte 1912: Mit Bismark hatten Adel und Junkertum einen ihrer entschiedensten Vertreter an höchster politischer Stelle.

Mit Bismark hatten Adel und Junkertum einen ihrer entschiedensten Vertreter an höchster politischer Stelle.

Postkarte 191: August Bebel

Im Gegenteil, die Anfänge ihrer ideologischen und organisatorischen Bewegung, das Kommunistische Manifest von Karl Marx 1848 und die Sammlung der politischen Arbeiterbewegung im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) 1863 und der Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP)[6] sorgten für eine tiefe Beunruhigung in den Kreisen der Konservativen. Als sich die beiden Fraktionen 1875 unter der Führung von August Bebel und Ferdinand Lassalle vereinigten, schienen sie zu einer ernsthaften Bedrohung der konservativ-großbürgerlichen Regierung zu werden.

Postkarte 1918: Karl Marx

Postkarte 1910: Das Arbeitsband

Diese versuchte nun die Arbeiterbewegung, die die Grundlagen für steigenden Reichtum und politische Bedeutung eines aufstrebenden Bürgertums lieferte und gleichzeitig die ökonomische Macht Deutschlands in der Konkurrenz mit den großen europäischen Staaten steigerte, mit einer rigiden Gesetzgebung an der Entfaltung ihrer ökonomischen und politischen Bedeutung zu hindern.

Postkarte 1910: Einigkeit der Heizer und Maschinisten "Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will!"

Postkarte 1902: "Der Schutzverbans rüstet sich zur TAT!"

Das Handelskapital macht sich über die Begehrlichkeiten der kleinen Angestellten, Handelsvertreter und Beamten lustig.

Mit den Sozialistengesetzen wurden 1878 die bestehenden  Ansätze der Arbeiter sich parteipolitisch und gewerkschaftlich zu organisieren verboten und jegliche politische Versammlung strikt untersagt. Selbst die Ausübung bestimmter Gewerbe stand unter staatlicher Kontrolle; davon waren zahlreiche sozialdemokratische Schankwirte betroffen, deren Gastwirtschaften ein wichtiger Treffpunkt für politisch aktive Arbeiter waren. Umso intensiver führten die Arbeiter den Kampf für ihre politische Anerkennung und schließlich für eine gerechte und soziale Gesellschaftsform, den Sozialismus. Sie ließen sich davon auch nicht durch die sozialpolitischen Beruhigungspillen Bismarcks abbringen, der neben seiner rigiden Verbotspolitik auch Kranken- Unfall- und Rentenversicherung für die Beschäftigten einführte.

Der Alkohol spielte während dieser Entwicklung eine bedeutsame Rolle, nicht nur was die Herausbildung einer proletarischen Lebenskultur betraf, sondern auch als Spiegelbild der gegensätzlichen Interessen zwischen Arbeiterklasse und Kapitalisten.

 

Alkohol und Alkoholismus - zwei Seiten einer Medaille

 

Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts vollzog sich ein tiefgreifender Wandel im Umgang mit Alkohol: die wissenschaftlichen Erkenntnisse über seine pharmakologischen und medizinischen Wirkungsweisen erhöhten sich, was zu einer kritischeren Einschätzung dem Alkohol gegenüber führte und auf die Bevölkerung zeitweise konsumvermindernd wirkte.

Postkarte 1917: Dünnbier!

Noch bis zur missglückten bürgerlich-revolutionären Erhebung 1848 bestimmten unzählige Mäßigkeitsvereine die Debatte um den Alkohol und die Trinkgewohnheiten der Deutschen. Der Bierkonsum war stetig zurückgegangen, u.a. weil das obergärige, wenig lagerfähige und fast an jeder Straßenecke von dilettantischen Schankwirten mit z.T. schlechtem Wasser gebraute Bier weder schmeckte noch beschwingte. Und gegen den immer billiger werdenden Schnaps, den aus Getreide und später aus Kartoffeln destillierten Branntwein, zog das Bier schließlich den Kürzeren[7]. Die Schnapssäufer allerdings auch, denn die „Branntweinpest“ befiel die Menschen wie eine Epidemie. Und die Vorkämpfer für Mäßigkeit und Abstinenz wetterten gegen diesen „schlimmsten Feind der Menschheit“.

 Bei dieser ersten systematischen Auseinandersetzung um den Alkohol waren schon deutlich die unterschiedlichen Interessengegensätze der Beteiligten erkennbar. Auf der einen Seite standen die organisierten Mäßigkeitsvereine, deren Mitglieder sich überwiegend aus dem Bürgertum rekrutierten und die vehement für eine radikale Enthaltsamkeit vom Branntwein kämpften. Auf der anderen Seite sammelten sich Teile der hauptsächlich städtischen Unterschicht zu spontanen, unorganisierten Haufen, die sich nicht von „bürgerlichen Besserwissern“ und Behörden vorschreiben lassen wollten, was und wie viel sie trinken durften.

Karikatur um 1840: Der Branntweindrachen

Die Argumente mit denen sich die Kontrahenten das Wasser, resp. den Alkohol abgraben wollten, sind bekannt: Schnaps mache gleichgültig, maßlos und gewalttätig und erzeuge Armut, Elend und Siechtum. „In einer breit angelegten Öffentlichkeitsarbeit wurde der Glanz der Enthaltsamkeit dem Elend der Trunkenheit gegenübergestellt“[8]. So veröffentlichte der Hamburger „Verein gegen das Branntweintrinken“ ein Bild mit der Darstellung des sog. „Branntweindrachens“, der Reichtum und Arbeit verschlingt und gleichzeitig elende Lebensumstände und Tod produziert. Auch eingängige Bildergeschichten – die Vorläufer der heutigen Comics - sollten insb. auch  die positiven Seiten der Enthaltsamkeit, gesichertes Einkommen und sozialen Aufstieg propagieren[9].

Postkarte 1905: Das Elend des Alkoholismus "Pennerehepaar"

Das Elend des Alkoholismus "Pennerehepaar"

 Die besondere Eigenart des Alkohols bringt es mit sich, dass seine Konsumenten häufig unter rapiden Wahrnehmungsstörungen leiden. Dieses Phänomen zeigte sich auch hier wieder. Die alarmierenden Ausführungen der bürgerlichen Mäßigkeitsvereine stießen unisono bei Schnaps-Konsumenten, Schankwirten und bürgerlichen Liebhabern des Weines auf taube Ohren. Der Branntwein war inzwischen zu einem wichtigen, ja unverzichtbaren Bestandteil der proletarischen Arbeits- und Lebensverhältnisse geworden. Selbst wenn die Folgen des Trinkens für den Einzelnen häufig mit schwerwiegenden Schäden verbunden waren[10].

Immer wieder fanden sich erklärte oder selbsternannte Fachleute, die die besonderen Vorzüge des Bieres als medizinisch wirksam anpriesen[11] oder den Branntwein als unverzichtbar für hart arbeitende Menschen erklärten. Hier offenbart sich schließlich ein weiteres, heimliches Interesse, das hinter der oberflächlichen Pro-Alkohol-Argumentation verborgen liegt. Es ist die Furcht des Obrigkeitsstaates vor der proletarischen Revolution, sein Interesse am Erhalt des sozialen und politischen Status Quo. Und dazu trug der Alkoholkonsum in den Augen vieler bürgerlicher und konservativer Vertreter immer noch bei.

Postkarte 1912: "Der Zahltag"

Das von zahlreichen Industriebetrieben angewandte sog. Trucksystem, den Lohn der Arbeiter in Naturalien, z.b. Schnaps, auszuzahlen, zeugt von dieser Einschätzung[12]. Daneben gab es auf dem Lande die Branntweinbrennereien der großen Güter mit dem „Deputat für die Hofleute“, die ärmsten und abhängigsten Landarbeiter, die ihren Lohn überwiegend in Hoferzeugnissen ausgezahlt bekamen, z.b. in Branntwein, dem „Brot der Armen“. Diese, i.d.R. selten offen geäußerte „Dankbarkeit“ des Kapitals dem Alkohol und seiner sozialen  Befriedungsfunktion gegenüber, wird erst Teil der öffentlichen Debatte als sich die organisierte Arbeiterklasse der Alkoholproblematik annimmt.

 Es gab aber auch andere Besorgnisse, die gerade im unkontrollierten Alkoholkonsum die Ursache für die Verschärfung sozialer Konflikte sahen. Umso wichtiger wurde die Aufgabe staatlicher und privater Initiativen betrachtet, für einen kontrollierten Konsum zu sorgen[13].

 Eines zeigt sich in dieser Debatte schon jetzt: die persönliche Verantwortung für die Folgen des Trinkens und der dem innewohnende und untrennbar damit verbundene Kontrollverlust offenbaren eine neue Form des Alkoholkonsums und erfordern andere Trinksitten als es das kollektiv und rituell bestimmte Trinken im Mittelalter hervorbrachte. Die Individualisierung des Trinkens verlangte zwingend auch die individuelle Kontrolle, zu bestimmten Zeiten und Gelegenheiten, nicht mehr, bzw. nichts zu trinken. Die massenhafte Verbreitung und billige Verfügbarkeit des Branntweins zeigten die Notwendigkeit derartiger Kontrollzwänge und  neuer Konsumverhalten in aller Deutlichkeit.

Postkarte 1902: Theresienwiese - Oktoberfest München "Wird man vom trinken etwas knill, dann erlaubt man sich oft viel"

Auf den großen Saufgelagen kam es nicht selten zu massiven kollektiven Kontrollverlusten

Der Branntwein war nämlich viel gefährlicher in seiner Wirkung als Wein und Bier. Die Schnelligkeit und Intensität mit der er seine Wirkung in den Köpfen und dem Verhalten der Konsumenten entfaltete, war für die Masse der Bevölkerung ungewohnt und bedurfte erst der Erfahrung, um neue Formen des Umgangs damit zu entwickeln. Diese bittere Erkenntnis hatten gerade die Unterschichten gemacht, dass  der schwer kontrollierbare Branntweinkonsum Leid und Elend weiter anfachte. Ihr Widerstand gegen die Gehorsam verlangende Obrigkeit und das sie ausbeutende Bürgertum war aber größer als die Bereitschaft ihr Trinkverhalten bürgerlichen Normen anzupassen und einem am gesellschaftlichen Aufstieg orientierten Phantom hinterherzulaufen. 

Postkarte 1899: "Ehrendiplom" Typischerweise wurden Anti-Alkoholiker unglaubwürdig und lächerlich gemacht.

 Und so erging es den Mitgliedern der Mäßigkeitsvereine mit ihren Predigten von Enthaltsamkeit und sittlichem Lebenswandel häufig schlecht. Freche Gedichte waren noch das Harmloseste mit dem die Mäßigkeitsapostel konfrontiert wurden.[14] Nicht selten wurden die Auseinandersetzung handgreiflich und arteten in polizeilich und medial registrierte Straßenkrawalle aus.[15]

 Es gab sogar Gerüchte, dass einige dieser Protestaktionen von Schankwirten initiiert worden waren, was angesichts befürchteter Umsatzverluste durch eine mögliche Kaufzurückhaltung der Kunden und die Vielzahl der existierenden Gastwirtschaften und Kneipen nicht abwegig scheinen mag. Allein in Hamburg wurden 1845 offiziell 1500 Schenken registriert. Die Behörden gingen noch von einer weit höheren Zahl, nämlich von etwa 2000 aus. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl kam also auf etwa 60 Einwohner eine Kneipe![16]

Da nimmt es nicht Wunder, dass die Trinkgelüste der Unterschichten intensive ideologische Unterstützung durch diejenigen fanden, die sich am Alkohol eine goldene Nase verdienten. Der Weinhändler Wilhelm Hocker z. b. nutzte seine dichterischen Qualitäten für eine scharfe Kritik an den anmaßenden Forderungen der Enthaltsamkeitsprediger und gründete gleich noch einen übernationalen „Europäischen Verein für das Weintrinken“:

„Wollt ihr die Menschheit ganz vernüchtern?

Ist sie euch nicht schon flau genug?

Die Menschheit straft mit Hohngelächter

Euch und den Mäßigkeits-Verein . 

Was soll der Zwang? – warum dem Armen

Entzieh`n die tröstende Tinctur?

Sein Festgedicht, sein Hochzeitscarmen

Ist oft die Branntweinflasche nur.“[17] 

Broschüre von 1913: Der Bund des weißen Kreuzes - für Männer und Jünglinge...

Ein fast komisch anmutendes Beispiel für selbstdisziplin ist dieses Heft des Deutschen Sittlichkeitsbundes

Doch weder die mahnenden Mäßiger noch die passionierten Schnapstrinker selbst waren es, die einen langsamen Wandel der Trinksitten beschleunigen oder verhindern konnten. Der Rückgang des Branntweinkonsums vollzog sich ganz profan im Rahmen sozialer und ökonomischer Wandlungsprozesse.[18]  Der Rausch als gesellschaftlich integriertes und positives Verhaltensmuster verlor an Akzeptanz[19]. Kontrolle über die Natur und des Menschen über sich selbst, als Ausdruck der aufstrebenden Klassen, des Bürgertums und der Arbeiter, bestimmten das Denken und Handeln der Menschen. Selbstbeherrschung und Disziplin waren die Voraussetzungen, um in dieser von technischen Fortschritten geprägten Gesellschaft weiter zu kommen und aufsteigen zu können.

  Da kam die Einführung der neuen untergärigen Biere gerade recht, den Niedergang des Branntweins zu beschleunigen. Ausgehend von Bayern boomte seit 1865 diese Brauart, die, im Konzert mit einer neuartigen Kühlmethode (Linde-Kühlung), genauen Temperaturmessungen, verbesserten Zapfanlagen, der Flaschenabfüllung und dem Bügelverschluss, einen neuerlichen Aufschwung des Bieres bewirkten. Vielen Mäßigkeitsvereinen war damit und wegen des zurückgehenden Branntweinkonsums der ideologische Boden entzogen und sie lösten sich auf[20].

 Die Auseinandersetzung um den Alkohol aber blieb und verlor auch keineswegs an Schärfe. Die Kontroverse spitzte sich im Gegenteil weiter zu; Alkohol oder Totalabstinenz lautete jetzt der Streit. Für Zwischentöne gab es kein Pardon mehr. Selbst wer geringe Alkoholmengen glaubte für medizinisch oder sozial verträglich zu halten, wurde rigoros in das Lager der Alkoholpropagandisten gesteckt. Um diese Zuspitzung soll es im Folgenden gehen.

 

Alkohol(ismus) oder Abstinenz

 

Trotz der politischen Restauration adliger Regierungsgewalt war die industrielle Revolution nicht mehr aufzuhalten. Die Industriezentren wuchsen, der Bedarf an Arbeitskräften stieg und mit ihm die Bevölkerung insgesamt. Von 1871 bis 1910 stieg die Einwohnerzahl Deutschlands von 36 Mio. auf über 58 Mio., die einer Großstadt wie Hamburg von 290.000 1870 auf über 1 Mio. am Vorabend des 1. Weltkrieges 1913.

Auch wenn es zu gewissen Einkommensverbesserungen bei qualifizierten Industriearbeitern gekommen war, blieben elende Arbeits- und Lebensbedingungen die Regel. Arbeitszeiten von 12-14  Stunden an sechs Tagen in der Woche waren normal und der Verdienst häufig so gering, dass Frauen und Kinder zur Mitarbeit gezwungen waren. Noch 1907 wurde die Zahl der arbeitenden Kinder auf mehr als 300.000 geschätzt, obwohl die Kinderarbeit zu dieser Zeit längst ungesetzlich war[21].

Foto um 1910: Schlaf- und Wohnraum einer Arbeiterfamilie

Die Wohnverhältnisse waren unerträglich beengt und hygienisch eine Katastrophe[22]. Privater Reichtum und öffentliche Verwahrlosung stiegen gleichermaßen.

Postkarte 1905: "Die soziale Frage" ist gelöst...

So leicht wie es sich das (Alkohol-) Kapital erhoffte, ließen sich die sozialen Gegensätze nicht überwinden

 Und einer war immer dabei: der Alkohol! Ganz gleich ob als Verursacher des Elends oder als seine Folge; die „Alkoholfrage“ und die „soziale Frage“ standen auf der Tagesordnung und waren bis in die 30er Jahre Anlass für heftige Konfrontationen in Gesellschaft, Medien und Politik. Dass überhaupt ein kausaler Zusammenhang zwischen sozialer Verelendung, politischer Unterdrückung und dem Alkoholkonsum großer Bevölkerungsteile hergestellt wurde, war einem relativ kleinen und politisch bewussten Teil der Arbeiterbewegung zu verdanken, dem Deutschen Arbeiter-Abstinenten-Bund.


Zuvor aber noch

 Einige Anmerkungen zu den deutschen Trinksitten

 

Postkarte 1914:Wer niemals einen Rausch gehabt...

Wie wir im Abschnitt „Saufen und sich berauschen…“[23]  gelesen haben, waren die deutschen Männer schon immer für ihre besonders exzessiven Trinksitten bekannt und berüchtigt. Der „deutsche Saufteufel“[24], abgebildet als lebender Weinschlauch, wäre vermutlich auch im 19. Jahrhundert bei der männlichen Bevölkerung noch überwiegend zustimmend zur Kenntnis genommen worden. Lediglich die Biertrinker hätten darauf bestanden, den „Bauch-Schlauch“ statt des Weines mit Bier zu füllen. Schamröte in Anbetracht einer derartigen Charakterisierung wäre jedenfalls kaum einem (Mann) ins Gesicht gestiegen.

Postkarte 1900: Prost!

Postkarte 1910: Prost Rest Kamerad!

Zwar war der selbstverständliche Alkoholkonsum auch während der Arbeit bei den immer komplizierter werdenden Produktionsabläufen in den städtischen Industriezonen zurückgegangen, aber an den mittelalterlichen Trinksitten hatte sich nicht viel geändert.

 Wurde ein Gast begrüßt, so reichte man ihm den Willkommenstrunk[25]. Stieß man miteinander an, so tat man das besonders gerne mit dem Hinweis „auf die Gesundheit“. Trank man bei einem besonderen Anlass, einer Feier oder einem Fest, miteinander, wurde nicht selten ein Wetttrinken daraus. Bei diesen „Saufsportveranstaltungen“ ging es nicht nur darum, viel zu trinken, sondern so viel wie möglich „in einem Zug“. Nach wie vor wird ein trinkfester Mann als besonders stark angesehen und gilt (und fühlt sich) nach einem gewonnenen „Trink-Wettkampf“ als Held. Nichttrinken wird – selbst in unseren Tagen – immer noch für unmännlich gehalten.

Postkarte 1920: Ein Wassertrinker "Schaut den an, der hat jan nicht viel!""

Es existierte weiterhin der Zwang zum Mittrinken durch das Zuprosten oder die Einladung zum Trunk. Im Mittelalter machte sich jeder zum Feind, der nicht mittrank. Auch heute noch kann ein solches Angebot kaum ausgeschlagen werden, will man sich nicht total unbeliebt machen. Immer noch zählt eine Ablehnung der Trinkaufforderung als Beleidigung für den Spender. Und wer statt Bier, Wein oder Schnaps lieber Wasser oder Limonade trinkt, zählt nach wie vor als Schwächling. Damit macht sich ein Mann lächerlich und soll schon gerne mal „per Anzeige“ zum Mittrinken gezwungen werden.

Postkarte 1931: Ein Wassertrinker "Der gehört angezeigt!"

 Eine besonders ökonomische, kollektive Trinkform war und ist das sog. Rundentrinken, bei dem jeder Teilnehmer für alle Mitglieder der Gruppe „Einen-ausgibt“; je mehr Teilnehmer die Gruppe hat, umso mehr Schnäpse oder Biere muß jeder einzelne ausgeben und trinken[26].

Postkarte 1901: "Ein Deutscher der nicht trinken kann - verdufte übern Ozean!"

Hier wird gleichzeitig noch eine chauvinistische Anspielung auf die Prohibitionsbestrebungen in den USA gemacht

Trotz oder gerade wegen der immer stärker werden Selbstkontrolle und Disziplinierung bürgerlicher wie proletarischer Lebensgewohnheiten wurden alte und neue Formen des individuellen und kollektiven Rauscherlebens gesucht und gefunden. Kaum ein Treffen von Cliquen, Gemeinschaften, Gruppen oder Vereinen, bei dem nicht die Gelegenheit zu einem Saufgelage genutzt wurde. Das begann beim streng reglementierten Kneipkomment der studentischen Verbindungen und hörte nicht bei den chaotischen Massenbesäufnissen, den Schützen- oder sonstigen Volksfesten auf[27].

Postkarte 1903: Gruß vom Schützenfest

 Immer ging es dabei um die Trunkenheit, den Rausch und damit um den vorläufigen Verlust der Selbstkontrolle, die Aufgabe jeglicher Souveränität und Handlungsfähigkeit. Dieser Prozess von der Nüchternheit zum Rausch ist in seiner Vielfältigkeit und individuellen Wirksamkeit Ausdruck dieses (männlichen) Strebens nach einem de facto Kontrollverlust. Der Verlust der Selbstkontrolle wirkt als bewusst eingesetzte Eigenmanipulation um zeitweilige Blockaden, konkrete Spannungen oder permanente Hemmungen abzubauen.

Postkarte 1909: "Was frag ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin."

Die Motive der Trinker sind dabei so vielfältig wie ihre Individualität. Zwei Bestrebungen lassen sich allerdings immer wieder diagnostizieren: einerseits sollen durch den Kontrollverlust individualbezogene, affektive Veränderungen erzielt werden, um sich gut oder wohliger zu fühlen bzw. negative Gefühle und Empfindungen in angenehmere zu transformieren. Zum zweiten kommunikationsbezogene Veränderungen, also um das eigene Auftreten oder die Kontaktaufnahme oder den Kontaktverlauf zu steigern. Beide Phänomene sollen letztlich das Gefühl von der Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit verbessern. 

Postkarte 1911: Endlich Allein!

 

Alkohol – ein Transformator

 

Auch wenn sich schwerlich die individuellen Motive des einzelnen Trinkers entschlüsseln lassen, jeder weiß immerhin um das launenhafte Risiko, das er mit dieser „Reise ins Unbewusste“ eingeht. In einer mittelalterlichen Ballade von Hans Sachs[28] wird ein merkwürdiger Kauz mit einer ungewöhnlichen Kreativität beschrieben. Sein Talent bestand darin, einen Schwachen stark zu machen, einen Mächtigen in den Staub zu treten  oder einen Angsthasen in einen Helden zu  verwandeln.

Bald Anders

Es zieht ein Mann wohl durch das Land,

Mit seiner Flöten in der Hand

Und spielt er auf dem silbernen Rohr

Erreicht sein Ton ein jedes Ohr.

Er kommt von allen Enden,

Zu untern und zu obern Ständen.

In Königreich, Provinz und Ländern,

Da tut er alle Ding’  verändern.

Wenn Du mich nun fragst,

Wie man ihn nennt,

Bald Anders heißt er, den jeder kennt.

 Den Frieden verändert er in Streit,

Fruchtbare Jahre in teure Zeit,

Stößt Mächtige von ihrem Land,

Die Ehrlichen in Spott und Schand`.

Den Liebenden bringt er Herzeleid,

Den Fröhlichen Traurigkeit. 

 Die Schönen macht er ungestalt,

den Sanften lehrt er Gewalt.

 Doch auch für den Armen wendet er das Blatt

Den Hungrigen macht er satt.

Der Bettler wird zum reichen Mann

Der Blinde wieder sehen kann.

Vielen ist er ein wüster Gast

Andern nimmt er ihre Last

 Wir sehn ihm nach und denken fürwahr,

wie sind all Ding` so wandelbar.

Ein jeder hat`s bei sich selber gespürt,

wie er ihn an der Nas` rum führt.

So zieht Bald Anders rastlos dahin,

nach steter Wandlung steht ihm der Sinn.

Wir tanzen in seinem Reigen,

bald anders wird die Welt sich zeigen

 Wen immer Hans Sachs mit diesem „Bald Anders“ gemeint haben mag, der Alkohol wäre für diese Rolle eine ideale Besetzung. Er besitzt diese Macht aus einem Feigling einen Mutigen, aus dem Politiker einen Penner oder aus Dummheit eine Tugend zu machen[29]. Genau deshalb wird er so heiß geliebt wie abgrundtief gehasst, so unmäßig getrunken und so konsequent verschmäht; seit Jahrtausenden bis heute.

 Diese Transformationsmacht des Alkohols[30] und die immer bedeutsamer werdenden Leitmotive der Industriegesellschaft von Kontrollzwang und Selbstdisziplin machen seine fast magische Anziehungskraft auf gerade die gesellschaftlichen Gruppen aus, die sich diese Motive selbst zum Vorbild erklärt haben.

 Für bürgerliche und adlige Konsumenten gehören das Ausleben spontaner Bedürfnisse und die temporäre Überwindung fundamentaler Defiziterfahrungen in einer Atmosphäre von Nüchternheit, Selbstbeherrschung, Tugendhaftigkeit und Erfolgsdruck zu ihrem elementaren männlichen Selbstverständnis.

Einen zurückhaltend-intimen Einblick in die Verhaltensweise und Umgangsformen des studentischen Verbindungswesen gibt Alexander Fürst zu Dohna-Schlobitten in seinen „Erinnerungen eines alten Ostpreußen“: „Der Bierkonsum bei den wöchentlichen Kneipen war bisweilen leicht gesundheitsschädlich. Einmal, in meinem letzten Semester, waren es acht Liter pro Kopf, allerdings verteilt auf acht Stunden, von 19 Uhr bis 3 Uhr in der Früh. Solche Gelage waren jedoch die Ausnahme, denn dem Biertrinken wurden durch Geldmangel Grenzen gesetzt.“

 Das diese Grenzen tatsächlich nichts mit einer selbstkritischen Betrachtung dem Alkoholkonsum an sich gegenüber zu tun hatten, wird an der Schilderung einer „Wette“ erkennbar, für die sich der Fürst „noch heute schämt“. Er und seine Kollegen des Corps` „Borussia“ in Bonn animierten nämlich ihren Corpsdiener, der  „erheblich (und erkennbar, Anm. des Verf.) dem Alkohol zusprach, dazu ein „Kunststück“ zu wiederholen, für das dieser in der Vergangenheit bekannt gewesen war. „Vor dem Krieg war er im Corps dafür berühmt gewesen, daß er, ohne abzusetzen, eine ganze Flasche Sekt austrinken konnte und hinterher Fanfarenstöße von Kohlensäure von sich gab.“[31]


 

Wer niemals einen Rausch gehabt, der ist kein braver Mann

 

Das es sich hier keineswegs um die Entgleisungen einiger alkoholgeschädigter, elitärer Kommilitonen gehandelt hat, sondern um normale alkoholische Umgangsformen unter Studenten, beschreibt Hasso Spode in seinem Grundlagenwerk über „die Macht der Trunkenheit“:

Postkarte 1911: Ein Universitätsbrand!

„Analog zum Pauk-Comment galt für viele studentische Verbindungen ein Bier-Comment, ein Paragraphenwerk, das ... den Ablauf des Gelages militärisch streng regelte. Wer beim „Salamander“ zu langsam trank und „nachklappte“, einen „Philister“ (Rest) im Glas übrig ließ, oder gar am „Bierskandal“ (Trinkkampf) nicht teilnahm, geriet in „Bierverschiß“ (Straftrinken) oder musste als „Bierkranker“ um Dispens bitten. Ein durchaus atavistisches Ritual: Das agonale und das gemeinschaftsstiftende Motiv des archaischen Gelages waren ... durchaus noch präsent, im Alltagsleben geltende Scham- und Peinlichkeitsgrenzen außer Kraft gesetzt; so führte dieser Trinkzwang häufig zum Erbrechen und zum Urinieren unter den Tisch.“[32]

Postkarte 1911: Ein Bierduell

Postkarte 1900: "Horror Vacui!"

Der Horror vor dem leerem Glas

Keine Erwähnung finden in diesem Zusammenhang – und das ist typisch für diese Art der wissenschaftlich-abstrakten Auseinandersetzung mit dem Trinkverhalten –  die Folgen eines über z.T. viele Semester gehenden, intensiven Alkoholkonsum. Diese können je nach individueller Prädisposition und Lage in einem dauerhaften und gesundheitsschädigendem Missbrauchsverhalten bis hin zu einer manifesten  Alkoholabhängigkeit liegen.[33]

 Überdies beeinflusst der permanente und selbstverständliche Alkoholkonsum des Einzelnen die ideologische Grundlage einer Gesellschaft für den dauerhaft-permissiven oder restriktiven Umgang mit der Alkoholfrage. Insbesondere dann, wenn sich dieser Gewöhnungsprozess bei den zukünftigen Repräsentanten von Wirtschaft und Staat vollzogen hat. Hier liegt eine der Ursachen für den geringen Einfluss der deutschen Abstinenzbewegung und die quasi natürliche Abwehr der Trinkbefürworter quer durch alle sozialen Schichten, die ihr unisono entgegenschlug.[34]

Postkarte ca. 1950: "Wer niemals einen Rauschgehabt, der ist kein braver Mann" -wssb-567,

Die Devise „Wer niemals einen Rausch gehabt, der ist kein braver Mann“ durchzieht die deutsche Trunkenheitsgeschichte wie ein roter Faden. Gerade an diesem Punkte ist die pittoreske Vielfalt der Postkarten amüsantes und zugleich tragisches Abbild dieses Phänomens. Erscheinungen, die man, beim Vorhandensein eines Minimums an Selbstkritik, schlicht und einfach mit den Worten peinlich und unerfreulich charakterisieren kann[35]. Der Blick auf die Bildmotive hält eine Vielzahl dieser Peinlichkeiten bereit:

Postkarte 1906: "Wirtshausgehn..."

So werden Frauen häufig nicht als die Leidtragenden des männlichen Alkoholkonsums dargestellt (siehe auch obige Karte "Zahltag") sondern als genussfeindlich und "Spielverderberin", die ihren Männern jedes Vergnügen mißgönnen

Was dieser isolierte Blick auf den einzelnen Säufer allerdings verschweigt, sind die i.d.R. weitaus dramatischeren Folgen des Kontrollverlustes für das Umfeld der Trinker. Die Folgen des Kontrollverlustes – eben unangenehm und peinlich, aber unlösbar mit dem Rausch verbunden und darum augenzwinkernd akzeptiert – bleiben nämlich nie auf den Säufer allein beschränkt, sondern treffen in ihrer unausbleiblichen Dramatik überwiegend andere: Familie, Betrieb und Gesellschaft insgesamt. Diese Seite wird bei der Darstellung der Trunkenheit aber vielfach ignoriert oder in einer ironischen und entdramatisierenden Weise gezeichnet.

  Diese katastrophalen Folgen deutscher Trinksitten sind es, die die Abstinenzbewegung, ob bürgerlich-weltlich, bürgerlich-christlich oder sozialistisch motiviert, in ihrem immerwährenden Kampf gegen den Alkohol angetrieben haben.

 

Der Deutsche Arbeiter-Abstinenten-Bund (DAAB)




[1] Diese Internationale war ein lockerer Zusammenschluss verschiedener Mäßigkeits- und Abstinenzvereinigungen in Europa, die entweder konfessionell, überkonfessionell oder sozialistisch orientiert waren und sich seit 1889 regelmäßig alle zwei Jahre trafen und Fragen zur Alkoholproblematik und staatlichen Steuerungspolitik diskutierten. Die europäische Begeisterung für die Abstinenzbewegung und staatliche Eingriffe in die Alkoholwirtschaft nahm übrigens merklich von Norden nach Süden ab. Während in Skandinavien prohibitionsähnliche Maßnahmen staatlicherseits durchgesetzt werden konnten, dienten die Bier- und Schnapssteuererhöhungen im Deutschen Reich ausschließlich der Finanzierung des Flottenprogramms; gesundheitsfürsorgliche Aspekte im Rahmen einer Alkoholsteuer kamen den Regierungsvertretern kaum in den Sinn. Warum auch, wenn z.b. Bier als Heilmittel und nicht als Alkohol betrachtet wurde.


[2] Es handelt sich hier um eine Fachwelt, eine Art „alkoholisches Sonnensystem“, in dem unzählige Theoretiker, Praktiker und Betroffene, je nach Bedeutung und Aktualität dicht oder weit entfernt, wie Trabanten um die Sucht kreisen, sich gleichermaßen abstoßend und anziehend.  Kreist man innerhalb dieses System, hält man seine Realität aus Fachlichkeit, Forschungseifer, Dokumentationswut und Besserwisserei für öffentlich bedeutsamer als sie in Wahrheit ist. Doch außer einigen wenigen schockierenden Meldungen im Gefolge von überregionalen Konferenzen und Fachtagungen finden so gut wie keine  kontinuierlichen Debatten und suchtpolitischen Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit statt. Ein typisches Beispiel für die aktuelle Bezugslosigkeit der „alkoholischen Fachwelt“ mit den realen Lebenswelten der Gesellschaft ist das Thema Abstinenz. Angesichts einer totalen Akzeptanz des erfolgreichsten „sozialen Schmiermittels“ in der Gesellschaft, traut sich offenbar niemand mehr – ganz entgegen gesetzt zum immer restriktiver werdenden Umgang mit Tabak –  radikale Konsumbeschränkungen zu propagieren.

Die rigorose Forderung nach Abstinenz für alle, von zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen der Jahrhundertwende kompromisslos gefordert, wird heute bestenfalls noch Alkoholikern zugemutet. Und selbst diese jahrzehntelang unumstößliche Festung der Selbsthilfebewegung ist inzwischen geschleift worden. Kontrolliert zu trinken sei zwar schwer, vielleicht sogar schwerer als ganz abstinent zu leben, soll aber auch für Alkoholabhängige erlernbar sein. Das behaupten jedenfalls einige kompetente Fachleute aus der Suchthilfebranche.

Für kurze Zeit erwachte die Fachwelt aus ihrem Dornröschenschlaf der öffentlichen Sachdebatte. Vehement schlugen Wissenschaftler, Suchtarbeiter und Selbsthelfer aufeinander los und scheuten sich nicht, den Erfinder und Vorkämpfer des Kontrollierten Trinkens, Prof. Körkel, der Sabotage und der Aufforderung zum Selbstmord zu bezichtigen. Das waren fast Zeiten wie zur Jahrhundertwende, als der heftige Meinungskampf um das Alkoholproblem Teil des allgemeinen Streits um Freiheit und Gleichheit aller gesellschaftlich relevanten Gruppen war, eben ein Teil des politischen Meinungs- und Klassenkampfes.

Diese politischen und sozialen Aspekte und ihre Teilhabe an der öffentlichen Auseinandersetzung sind in der heutigen Debatte um den Alkohol fast völlig verschwunden. Nicht dass es keine Kritiken mehr an die Adresse der Alkoholindustrie geben würde und auch an Zweifeln gegenüber der Ernsthaftigkeit staatlicher Alkoholpolitik mangelt es nicht.

Die Öffentlichkeit dieser Positionen und eine von den verschiedenen Gruppen der Gesellschaften ausgetragene Debatte darüber sind allerdings derartig gering, dass sie genau so gut unterbleiben könnten. Und eine politische Betrachtung und Bewertung des Alkoholproblems vor dem Hintergrund gruppenspezifischer Interessen und sozialer Klassengegensätze findet schon gar nicht statt. Wer meint, dass solcherlei Betrachtung wegen der Überwindung grundsätzlicher Klassengegensätze überwunden sei, den holt eine zunehmende Aktualität der Marxschen Theorien wieder ein. Eine beispiellose Zuspitzung der Gegensätze zwischen arm und reich, eine staatsübergreifende Monopolisierung des Kapitals, das sich jeglicher Kontrolle entzieht  und eine gnadenlose Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt verschärfen die sozialen Spannungen und lassen den Glauben, dass die gesellschaftlichen Klassengegensätze eine Erfindung der Marxisten seien, zu einem neoliberalen Märchen schrumpfen.

Vor diesem Hintergrund, aber auch weil unsere Ansichtskarten den spezifischen Zeitraum der Jahrhundertwende repräsentieren, scheint mir eine genauere Betrachtung dieser Zeit und ihres Umgang mit dem Alkoholproblem aufschluss- und hilfreich zugleich.

 

[3] So berichteten allein 6 regionale Tageszeitungen aus Bremen und Umgebung über den IX. Internationalen Kongreß gegen den Alkoholismus vom 14. bis 19. April 1903 in Bremen für die gesamte Dauer der Tagung.


[4] Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht z.b. schon bei einem tägl. Konsum von mehr als 20g Alk. für Frauen und 30g Alk. für Männer von einem gesundheitlichen Risiko aus.


[5] Die Darstellung dieser Thematik, insb. die rasante industrielle Entwicklung, läßt sich auf Postkarten nur zeitlich verschoben darstellen. Die massenhafte Verbreitung der Postkarte fand in Deutschland erst nach der Reichsgründung 1871 statt. Bis in die 90er Jahre des 19.Jahrhunderts sind Ansichtskarten heute eher selten und nur für viel Geld zu bekommen. Die folgenden Abbildungen beziehen sich daher frühestens auf den Zeitraum der Jahrhundertwende; gleichwohl sind die Darstellungen durchaus typisch für die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung des ausgehenden Jahrhunderts.


[6] Diese, für die Entwicklung der deutschen Kapitalismusvariante, frühe, systematische Organisierung der Arbeiterbewegung war auch ein Zeichen für einen hohen Grad an politischer Bewusstheit, die Verhältnisse, wie Engels sie für Englang beschrieben hatte, in Deutschland nicht zu wiederholen: „In diesem Lande ist der soziale Krieg vollständig ausgebrochen; jeder steht für sich und kämpft für sich selbst gegen alle anderen, und ob er allen anderen, die seine erklärten Feinde sind, Schaden zufügen soll oder nicht, hängt nur von seiner selbstsüchtigen Berechnung ab über das was ihm am vorteilhaftesten ist. Es fällt keinem mehr ein, sich auf friedlichem Wege mit seinen Mitmenschen zu verständigen; alle Differenzen werden durch Drohungen, Selbsthülfe oder die Gerichte abgemacht. Kurz, jeder sieht im anderen einen Feind, den er aus dem Weg zu räumen, oder höchstens ein mittel, das er zu seinen Zwecken auszubeuten hat.“ F. Engels, Die Lage der Arbeitenden Klasse in England, 1845, MEW 2


[7] Gegen diese billige Fahrkarte für eine heiße „Himmel- oder Höllenfahrt“ hatte der laue Bierschwips keine Chance.


[8] Ulrich Wyrwa: Branntewein und `echtes´ Bier, Die Trinkkultur der Hamburger Arbeiter im 19. Jahrhundert, Hamburg 1990


[9] Vergl. Wyrwa, a.a.O., S.84ff


[10] Während des Hamburger Brandes 1842 wurde eine Gruppe Zechender von einem einstürzenden Haus erschlagen: „Als um 6 Uhr das eine Eckhaus an der Schliekutsbrücke anging, begrub es im Zusammensturz einen Haufen Gesindels, die im Keller Champagner aus Flaschen und Feuereimern zechten.“ Zitiert in Wyrwa, a.a.O. Die bürgerliche Empörung, die aus diesem Satze spricht, „Champagner aus Flaschen und Feuereimer“ zu trinken ist unüberhörbar. Gleichwohl könnte man die Saufkumpanen für ihre Mäßigkeit loben, haben sie doch statt Branntwein, ein weinhaltiges Getränk, wie von den Mäßigkeitsvereinen immer wieder gefordert, zu sich genommen hatten. Aber auch hier zeigt sich einmal mehr, Alkohol bleibt Alkohol, egal in welcher Konsistenz auch immer genossen. Eine Binsenweisheit, aus der sich schließlich die knallharte Forderung späterer Nüchternheit- und Selbsthilfegruppen, nach totaler Abstinenz entwickelte.


[11] Noch Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts erschien zum 60. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin eine Schrift („Die Innere Medizin und das Bier“, Eine Beitragsreihe, München ohne Jahresangabe, vermutlich 1956), in der die Heilwirkung des Bieres ausführlich gewürdigt wurde. Das klingt so ähnlich wie der Hinweis auf den lobenswerten Bau der Autobahnen im Zusammenhang mit dem Hitler-Faschismus.


[12] Ein durchaus typisches Beispiel für die „Volksseuche Alkohol“, wie sie von den christlichen Abstinenzverbänden genannt wurde, waren die Zahltage der Gruben- und Hüttenarbeiter im oberschlesischen Industriegebiet, die bei den Frauen der Arbeiterfamilien ebenso ersehnt wie gefürchtet waren. Die ausgebeuteten Männer suchten ihre elenden Lebensbedingungen und die harte und gefährliche Arbeit im Alkohol zu ertränken und vertranken ihre Hungerlöhne manchmal an einem Abend.


[13] Ein Teil dieser Sorgen fand seinen Niederschlag in der Gründung des „Deutschen Vereins gegen den Missbrauch geistiger Getränke“ (DVMG) zu dem wir später noch Stellung nehmen.


[14] Aus Wyrwa, a.a.O.

„Wir wollen ihn nicht haben,

Den Mäßigkeitsverein!

Mögt ihr auch wie die Raben,

Euch heiser danach schrein

Wir wollen ihn nicht haben,

Den Mäßigkeitsverein!

Behalt die Liebesgaben

Für euch, für euch allein

Wir wollen ihn nicht haben,

Den Mäßigkeitsverein!

Wir wollen frei uns laben

Sei`s Branntwein oder Wein

 

[15] vergl. Wyrwa, Kapitel 11, Die Branntweinmeute von 1884, a.a.O., S.84 ff


[16] Wyrwa, a.a.O., S. 74f


[17] Wyrwa, a.a.O. S. 88


[18] Überdies bewirkten die steuerlichen Abgaben zur Finanzierung des deutschen Flottenbauprogramms um die Jahrhundertwende eine Verteuerung des Branntweins und begleiteten den Konsumrückgang.


[19] Das soll nicht heißen, dass der Rausch als menschliches Phänomen an Attraktivität verlor; er wurde nur stärker an den Einzelnen delegiert, der nun mit den bürgerlichen Nüchternheitsidealen fertig werden musste. So wurde das Bedürfnis nach Berauschung in die Treffen, Vereine und Verbände einerseits und die Volksfeste andererseits verlagert. Die Kneipe, lieferte mit ihren Stammtischen, Vereinsräumen und Sälen den Ort des exzessiven Rausches, sowohl für die Vereinmitglieder, wie für die Unorganisierten. Dieser Zusammenhang zwischen Zweck und Ort wird an vielen Postkarten deutlich (vergl. auch den Abschnitt über Trinksitten).


[20] Andere Vereine, wie z.b. die Vorläufer der katholischen Abstinenzbewegung „Kreuzbund“, richteten sich schon frühzeitig gegen die Fokussierung auf das Schnapstrinken: „Diese (Schrift, der Verf.) geht gegen das Schnapstrinken, davon rede ich nicht. Wir brauchen eine Broschüre gegen die übermäßigen Biertrinker...“ zitiert in „Der Weggefährte“, Nr. 2/1996, Zeitung des Kreuzbundes


[21] Michael Stürmer, Das ruhelose Reich, Frankfurt/M. 1991


[22] In Berlin z.b. stieg von 1867 bis 1871 die Zahl der Mietwohnungen, die nur einen beheizten Raum hatten von 50% auf 55%, während die Herrschaftswohnungen in der gleichen Zeit um 13,5% zunahmen. Harold James, Deutsche Identität, Frankfurt/M. 1991


[23] ein menschlichen Grundbedürfnis und deutsche Leidenschaft


[24] Martin Luther zitiert in J.W. Petersen, Geschichte der deutschen Nationalneigung zum Trunke, Stuttgart 1856


[25] In der „Geschichte der deutschen Nationalneigung zum Trunke“ werden akribisch die verschiedenen Erscheinungsformen deutscher Trinksitten beschrieben und historische Quellen zitiert. J.W. Petersen, Geschichte der deutschen Nationalneigung zum Trunke, Stuttgart 1856, „wortgetreu nach der Ausgabe von 1782“


[26] „Waren in vorindustriellen Zeiten die Trinkgelage kollektiv, die Getränke mithin korporativ gestellt (wie heute noch bei den Kneipkomments der studentischen Verbindungen; Anm. des Verf.), so mussten die Arbeiter nun für ihre Getränke selbst aufkommen. Unter diesem Zwang entwickelten sie ein neues Ritual: das Rundentrinken.“ Wyrwa, Branntewein und echtes Bier, a.a.O., S.136f


[27] „So dürfte es allein zehntausende von den Wirten initiierten Spar- oder Geselligkeitsvereinen gegeben haben“ Hasso Spode, a.a.O. S. 260


[28] Hans Sachs (1494-1576) galt zu seinen Lebzeiten als der berühmteste deutsche Poet, geriet aber später während des Barock und der Aufklärung in Vergessenheit. Erst Goethe mit dem Gedicht „Hans Sachsens poetische Sendung“, Richard Wagners Oper „Die Meistersinger“ und die Romantik mit ihrer Hinwendung an das Mittelalter trugen zu erneuter Popularität bei. Der folgende Text wurde in Anlehnung an die Sachs-Ballade von der Pop-Gruppe Ougenweide 1976 auf der Langspielplatte Ohrenschmaus in Hamburg veröffentlicht.


[29] Einschränkend sei bez. letzterer Metamorphose angemerkt, dass das Fernsehen hier inzwischen ein ebenbürtiger Konkurrent des Alkohols geworden ist.


[30] vergl. auch Kapitel „Alkohol – psychologische Mehrzweckwaffe“


[31] Alexander Fürst zu Dohna-Schlobitten, Erinnerungen eines alten Ostpreußen, Berlin 1989


[32] Hasso Spode, Die Macht der Trunkenheit, Opladen 1993


[33] Eine in diesem Zusammenhang treffende Beschreibung dieser Auswirkungen findet sich in einer Geschichte im „Lahrer Boten“


[34] Wir werden das z.b. auch immer wieder erleben, wenn die Alkoholgegner in ihrem Recht auf Meinungsfreiheit beschränkt und einem massiven Diffamierungsdruck ausgesetzt werden. Das Potenzial dieses sich wie automatisch erhebenden Gegendrucks ist aber schon längst vorher vorhanden; lange bevor es seine eigentliche Wirkung im Kampf gegen konkrete, antialkoholische Initiativen entfaltet. Es zeigt sich nämlich bereits da, wo es zunächst nur um die Definition dessen geht, was gefährlicher Alkoholkonsum sein könnte und welche Folgen er haben könnte. Er äußert sich in der populären Umkehrung seiner schädlichen Wirkung, indem man dem Alkohol medizinische Wirksamkeit und Heilwirkung bescheinigt, billigend in Kauf nehmend, dass diese Argumentation die Legitimierung für einen massenhaften Abusus liefert.


[35] Darum herrscht bei derartigen Anlässen ja auch die Zwangsverpflichtung zum Mittrinken; nichts ist schlimmer als ein nüchterner Beisitzer an einem Saufgelage.


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