Der Alkoholmissbrauch wird zum gesellschaftlichen Problem

Mit der zunehmenden Industrialisierung geraten der Alkoholkonsum und insbesondere sein Dauergebrauch bei Land- und Industriearbeitern zunehmend in die Kritik. Der Schaden, den der Trinker seiner Gesundheit und Arbeitskraft zufügt, trifft nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Familie und schließlich die ganze Gesellschaft.

Die Trunksucht wird zum sozialen Problem.

Mit der massenhaften Herstellung von billigen Branntwein Ausgangs des 18. Jahrhunderts war der "Sprit" (ein Begriff der mit der Produktion von Kartoffelschnaps entstand) zu einem der beliebtesten Getränke aller sozialen Schichten Insbesondere für Land und Industriearbeiter geworden und diese betrachteten Schnaps als ein wahres Lebenselixier. Aber auch im Bergbau, bei Steinbruch und Ziegelarbeitern, sowie in der Baubranche wurde "gesoffen, dass sich die Balken bogen".

Der Schnaps erfüllte bei diesen Konsumenten, die unter schwersten äußeren Bedingungen arbeiten mussten, gleich mehrfache Funktionen. Er war Kalorienerzeuger, indem er an den überlangen Arbeitstagen das Hungergefühl dämpfte; er war Wärmespender und ließ so die Arbeiter die z. T. extremer Witterungsbedingungen bei völlig unzureichender Bekleidung aushalten; er war Seelentröster, mit dem regelmäßigen Schluck aus der Pulle ertrugen die Menschen ihre unmenschlichen Arbeitsbedingungen und ihre aussichtslose Perspektive besser. (ev. Zitate aus Spode). Die Folge war eine Vielzahl von Arbeitern, die, angefüllt mit Alkohol und z. T. schwer abhängig, zunehmend kompliziertere Arbeitsanforderungen erledigen sollten. Kein Wunder, dass das nicht ewig gut gehen konnte.


Der Kampf gegen den Alkohol - Die Nüchternheitsbewegungen


Das Blaue Kreuz


Der Kampf gegen den Alkohol - Die Nüchternheitsbewegungen

Wortführer gegen diesen gewohnheitsmäßigen Alkoholmissbrauch waren unzählige Mäßigkeits- und Abstinenzvereine. Basierend auf den Erkenntnissen der neuesten medizinischen Alkoholforschung (Forel, Kraepelin, ) forderten weltliche, kirchliche und spirituelle Vertreter dieser Verbände zu einem Kreuzzug gegen den Alkoholmissbrauch auf. Schluss sollte endlich mit der Vergabe von kostenlosem Schnaps an die Arbeiter durch die Unternehmer sein, die damit trotz härtester Arbeitsbedingungen ihre Arbeiter bei der Stange halten wollten. Und auf die Barrikaden sollte die Gesellschaft gehen, um "diesen Feind der Menschheit" zurückzuschlagen, um diese wie eine Krankheit wütende "Branntweinpest" [1] zu besiegen

Nicht nur wegen ihrer unterschiedlichen sozialen, christlichen und politischen Herkunft war es jedoch mit einer einheitlichen Strategie in diesem Kampf nicht weit her. Auch die Ziele differierten von vorne herein. Während einige Gruppen den mäßigen Umgang mit Alkohol akzeptierten, radikalisierten die anderen den Kampf gegen den Alkohol mit der Forderung nach totaler Abstinenz. So blieben die Erfolge dieser Bewegung begrenzt. Immerhin gelang es - auch vor dem Hintergrund klagender Unternehmer [2] - mit dem Branntweinsteuergesetz von 1887 den Konsum von Schnaps drastisch einzuschränken. "Der Branntweinkonsum erlebte einen Einbruch von dem er sich nicht mehr erholen sollte" [3].

Postkarte 1916: Pärchen nach einer Rauferei "Doch mit des Alkohols Mächten - ist kein ew´ger Bund zu flechten"

Postkarte ca. 1914: Wirtshausgäste bei einer Rauferei "Ach wie gemüthlich - ist doch die Sauferei - Am Bier thut man sich gütlich, - Dann kommt die 'Rauferei'."


Postkarte 1920: unterschiedliche Trinkgewohnheiteni "Der g'hört an..zeigt!"

Postkarte 1960: "Pfui ich kann kein Wasser sehen!"

Die Fraktion der Radikalabstinenz hatte allerdings ein nicht unerhebliches Problem. Der Mensch braucht Flüssigkeit und wenn man ihm den Alkohol verweigert, muß Ersatz her. Die Mäßigkeitsbewegten hatten es da noch leicht, sie priesen Bier (und Wein, der jedoch wegen seines relativ hohen Preises für die Arbeiter keine Alternative war) und sorgten damit für die nachhaltige Legende, dass Bier kein Alkohol sei. Ein von Biertrinkern (und der Brauer-Lobby) immer noch und wieder gern verbreitetes Märchen, dass in der Behauptung gipfelt, Bier sei nicht nur nicht nur gesund, sondern im Gegenteil sogar medizinisch wertvoll. [4]

Wasser war allerdings keine echte Lösung für das Problem: es galt seit alters her als das Getränk der puren Not. Bei den einfachen Leuten wurde es nur gering geschätzt. "Ich mag es nicht einmal in den Schuhen leiden, viel weniger im Leibe", so wurde gespottet [5]. Und die Vereinsbrauerei Rixdorf aus Berlin warb 1906 mit dem schlichten Zweizeiler:

 "Das Wasser gibt dem Ochsen Kraft, dem Menschen Bier und Rebensaft."


Dass vom Genuss des städtischen Wassers auch durchaus abzuraten war, zeigte noch 1892 die große Cholera-Epidemie in Hamburg mit 16.000 Kranken und 8.000 Toten [6].

In den Städten bezog man das Wasser nämlich aus Flüssen und Kanälen, die gleichzeitig auch als billige Entsorgung für die Kloake und sonstige Abfälle dienten.

____________________________________________

[1] - Ch. W.- Hufeland "Ueber die Vergiftung durch Branntwein", Berlin 1802).

[2] - So wurde von den Unternehmern geklagt: "Die Arbeitskraft erlahmt bereits in den besten Jahren, jedes Denken und Trachten nach Vorwärtskommen hört auf, die häuslichen und Familienverhältnisse werden untergraben." Ein anderer stellte eine Missachtung jeglicher Autorität in kirchlicher, sowie in weltlicher Hinsicht" fest. Hasso Spode, Die Macht der Trunkenheit, Opladen 1993, S. 212ff

[3] - a.a.O. S. 214

[4] - Der Deutsche Brauer-Bund e.V. hat 3000 Studien gesammelt, die dem Bier therapeutische Fähigkeiten attestieren. Es hilft gegen Schlaganfall, schützt vor freien Radikalen, Gallensteinen, Altersdemenz, Parkinson, Diabetes Typ 2. Das Nationale Gesundheitsinstitut Helsinki sagt:"Jeder halbe Liter Bier, der pro Tag konsumiert wird, reduziert das Nierensteinrisiko um 40%." Dann Prost! Zitiert nach Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), Newsletter Mai 2005

[5] - zitiert in Hasso Spode, a.a.O. S. 170

[6] - Die Behörden erinnern sich an die heilsame Wirkung des Branntweins und verteilen denselben kostenlos an Sanitäter und Krankenwärter; die singen dann in den Kneipen: "Opladi, oplada, Schnaps ist gut für Cholera"

Postkarte : "Der Bürgermeister gibt bekannt: am Mittwoch darf nicht in den Bach geschissen werden"


Copyright: "Alle Rechte der Nutzung und Weiterverwendung von Text und Bildern liegen beim Verfasser.

Textverwendung und Zitate bitte nur mit Quellenangabe sowie unter Verfügungstellung eines Probeexemplars."