Saufen und sich berauschen - ein menschliches Grundbedürfnis...

Auch das Mittelalter war voll von Bildern wie die Menschen innerhalb ihrer sozialen Gruppen, in denen sie lebten, tranken, sich zuprosteten oder unter den Tisch soffen: Bauern und Handwerker, die in ihrem arbeitsreichen und armseligern Leben ohnehin nicht viel zu lachen hatten, ließen sich dann auf Festen und Feiertagen nicht selten bis zum Überlaufen vollaufen:

Der Klerus sah sich indessen lieber beim Verkosteten des Weines oder beim Abschmecken des Bieres, das in den Klosterbrauereien prächtig heran reifte. Und der Adel ließ sich gerne bei opulenten Festen abbilden, und demonstrierte damit seinen Reichtum und seine Macht. Das einige der hohen Herrschaften es beim Feiern übertrieben und sich den zeitgenössischen Malern auch schon mal unter den Tischen präsentierten, focht niemanden an. Im Gegenteil, handelte es sich hier um ein Zeichen äußerster Genussfähigkeit und grenzenloser Hingabe.

Die adligen Nebentätigkeiten, Raubrittertum und sonstige kriegerische Handlungen waren selbstverständlich ebenfalls von exorbitanten Trinksitten begleitet. Das führte - sehr zum Ärger mancher Heerführer - allerdings soweit, dass die Disziplin der Soldaten einem derartigen alkoholischen Gärungsprozess ausgesetzt war, dass Kampfhandlungen zeitweilig unterbrochen werden mussten, weil es entweder zu viel oder zu wenig zum Trinken gab.


Postkarte von 1917: "In Treue fest!"


... und deutsche Leidenschaft

Wenn man die z.T. überaus drastischen Bilder betrachtet, könnte man fast glauben, dass das Trinken eine der Hauptbeschäftigungen der Menschen war. Und für die Deutschen scheint das auch zutreffend gewesen zu sein Diese hatten nämlich schon früh den Ruf, die schlimmsten Säufer auf Gottes Erde zu sein.

Alte Schrift "Wider den Saufteuffel"


Postkarte von 1983: "Die jungen Deutschen!" - Scene aus dem Biedermeier


Satirisches Blatt um 1520: "der deutsche Weinschlauch!"

So stellte z.b. die schwedische Königin Christine 1671 voller Abscheu fest, dass "die Deutschen dumme Trunkenbolde (seien)" und auf einer Bildertafel des 18. Jahrhunderts werden die typischen "Aigenschafften" des Deutschen so beschrieben: seine Zeit verbringt er "mit Trincken", seine ganze Liebe gilt "dem Trunck" und sein Leben endet folgerichtig "im Wein"[1].

Dementsprechend wurde in einer satirischen Zeichnung um 1520 der Deutsche als "Weinschlauch" charakterisiert, der seinen aberwitzig vollen Weinbauch auf einer Schubkarre vor sich hertragen muß.

Dass es sich hierbei keineswegs um eine erst im Mittelalter entstandene Marotte der Deutschen handelte, geht aus den Zeugnissen des altrömischen Geschichts-schreibers Tacitus hervor. In seinen Beschreibungen über die Germanen, nannte er deren dauernden Durst als ihre hervorstechende Eigenschaft. -Tag und Nacht durchzutrinken (sei) "für niemand eine Schande" stellte er fest. Derartige Zechereien endeten verständlicherweise häufig im Streit, der sich allerdings nicht mit bloßen Schimpfereien begnügte, sondern "öfters Todschlag und Verwundungen" hervorbrachte[2].

Auch Jahrhunderte später hatte einige Urväter der Deutschen nichts von den Trinksitten ihrer Vorfahren verlernt. Venantius Fortunatus ein späterer Bischof gruselte es bei den Gelagen der Franken: "Umher lagen die Zecher bei ehernen Bechern und tranken Gesundheiten um die Wette wie Rasenden. Wer nicht mittat, galt als Tor. Man musste sich glücklich preisen, aus dem Trinken mit dem Leben davon zu kommen."[3]


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Textverwendung und Zitate bitte nur mit Quellenangabe sowie unter Verfügungstellung eines Probeexemplars."


 


Gegen die Trinklust hilft kein Gesetz noch christliches Gebot...

Begleitet wurde Entwicklung der Trinkgewohnheiten im 16. und 17. Jahrhundert von einem Aufschwung der Braukunst und dem Beginn der Branntweinproduktion. Schon in dieser Zeit lagen sich Befürworter und Gegner des (Alkohol-)Trinkens in den Haaren. In Wort und Schrift polemisierten Gelehrte, Geistlichkeit und Mediziner gegen das Trinken "über das rechte Maß". Gleichzeitig wurden Reichstagserlasse gegen das Zutrinken verabschiedet und schwere Strafen "für hohe und gemeine Sünder angedroht"[4].

Doch auch der zunehmende Protestantismus mit seiner genussfeindlichen Variante des Kalvinismus und den Lutherischen Brandreden gegen den deutschen Durst konnte den Saufteufel nicht austreiben.

Das Bedürfnis sich zu betrinken, war offenbar größer und unausrottbar. Daran sind auch nicht - wie heutzutage manchmal der Eindruck erweckt werden soll - die ausgeklügelten Marketingstrategien der Alkoholproduzenten und ihre Unterstützer schuld. Die Macht des Alkohols über Wahrnehmung und Gefühle der Menschen und seine Fähigkeit diese auf angenehmste Weise zu verändern, so dass alle empfundenen Belastungen und Erschwernisse des Lebens nichtig und klein erscheinen, bedürfen keiner Verkaufstrategie. Keine Suchtprävention, keine Verkaufbeschränkungen und keine Verbote haben daran je etwas ändern können.

Dieses "Wundermittel" findet immer seine "Kunden" und bindet sie an seine Produkte umso stärker je häufiger es benutzt wird. Nur der Tabak kann auf eine vergleichbare "Produkttreue" verweisen, seine Fähigkeit zur Metamorphose seiner Liebhaber ist gleichwohl beschränkter.

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[1] "Kurze Beschreibung der In Europa Befindlichen Völker Und Ihren Aigenschafften" zitiert in R. und M. Hübner, Der deutsche Durst, ,Leipzig 1994

[2] Hübner, Der deutsche Durst, a.a.O., S.9ff

[3] ebenda., S.12

[4] ebenda, S. 16ff


... aber kein Genuss ohne Reue

Postkarte aus den 1960er Jahren: "Realitätssinn" von Betrunkenen

"Realitätssinn" von Betrunkenen

Die Postkarten zeigen diese elementaren menschlichen Bedürfnisse nach Genuss und Berauschung; und sie zeigen wie untrennbar diese Bedürfnisse mit der gefürchteten Kehrseite verbunden sind. "Kein Genuß ohne Reue" sagt das Sprichwort und so demonstrieren es uns die Bilder. Auch wenn die Kehrseite noch so fürchterlich sein kann, sie trifft doch nicht jeden und im Ergebnis überwiegt offensichtlich das Positive. "Wenn einem soviel Gutes widerfährt, das ist auch mal einen Absturz wert", so könnte man - in Abwandlung des berühmten, vielleicht sollte man besser sagen, berüchtigten Asbach-Uralt-Werbespruches - resümieren.

Aus dem was wir fürchten entsteht die paradoxe Situation, dass wir es meiden wollen und gleichzeitig davon angezogen werden. Damit es seinen Schrecken verliert, gibt es spezielle Methoden und diese werden von den Gestaltern der Ansichtkarten auch konsequent angewendet: der Schrecken wird verniedlicht, verharmlost, ironisiert, so dass sich der Betrachter von ihm erfolgreich distanzieren kann. Damit wird verdrängt was man weiß, sieht und vielleicht sogar selber spüren kann. Aus der Arbeit mit Suchtkranken sind diese Strategien bekannt, man sollte sich allerdings davor hüten, diese Verdrängungsmechanismen als Realitätsverlust zu bewerten.


Wer anders wahrnimmt, hat deswegen noch nicht gleich seinen Realitätssinn eingebüßt. So ist das mit den Postkarten auch: sie repräsentieren eine Art der Wahrnehmung und Bewertung des Alkoholkonsums und seiner Folgen. Sie bilden diese durchaus ab, gleichwohl möchte man nichts mit ihnen zu tun haben. Mit dem Mittel der Ironie, des Witzelns, auch der Schadenfreude, wird Distanz erzeugt, die den Betrachter scheinbar vor den sichtbaren Konsequenzen des Trinkens schützt.

Die Postkarte mit ihren Motiven vom Schlürfen, Trinken und Saufen, mit ihren witzigen, ironischen und schonungslosen Bildern von Genießern, Gelegenheitstrinkern und am Alkohol Gestrandeten ist Ausschnitt und Spiegel zugleich wie man sich in Deutschland auf das Trinken versteht und dennoch nichts davon kapiert. Auch dies soll unsere - ständig ergänzte - Postkartensammlung zeigen.


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Trinkrituale und Trinken in Gemeinschaft

Der Kater, der Affe und der § 11 - Geheimnisvolle Symbolik der Karten

Die Geschichte des Trinkens ist auch immer eine Geschichte gemeinschaftlichen Trinkens gewesen. Individuelles Trinken in den eigenen vier Wänden, Trinken gegen das Alleinsein oder die Einsamkeit ohne soziale Kontrolle wie es heutzutage in den Industriegesellschaften üblich geworden ist, war lange Zeit ein unbedeutender Faktor in der Konsumgeschichte des Alkohols. Die Menschen tranken - streng hierarchisiert - gemäß ihrer sozialen Zugehörigkeit in ihrer Gruppe, gemeinsam und zu bestimmten Anlässen, Veranstaltungen und Festen. Diese Gemeinsamkeit der Trinkenden in ihrer sozialen Gruppe wurde reguliert durch eine Art von Regelrahmen, der die Trinkenden vor den Folgen individuellen Kontrollverlustes schützen sollte.

Der beliebteste Ort gemeinschaftlichen Trinkens war und ist das Wirtshaus, bzw. die Kneipe. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts auch ein sozialer und politischer Treffpunkt für die Arbeiterklasse von dem Kautsky als dem "einzigen Bollwerk der politischen Freiheit des Proletariers" sprach [1]. Selbst in unseren Tagen besingen die deutschen Barden von Alexander bis Westernhagen "die kleine Kneipe von nebenan", "in der ich mich frei fühlen kann" und in der man mit Gleichgesinnten unbesorgt seinem Rausch entgegen trinkt.

Postkarte 1912 - Studentika: Cantus, trinken nach der Mensur


Der Begriff Kneipe stammt allerdings aus der Tradition eines ganz anderen Gruppentrinkens, der Korporation oder dem studentischen Verbindungswesen.

Die Geschichte der Verbindungen geht bis ins späte Mittelalter zurück und diente der sozialen Absicherung der Studenten und der Geselligkeit. Die Mitglieder einer Verbindung mussten sich einem strengen Regelwerk unterwerfen, das u.a. im Tragen der Farben, dem Fechten und den Trinkveranstaltungen zum Ausdruck kommt.

So ist die Kneipe ursprünglich eine nichtöffentliche Trinkveranstaltung von Verbindungsstudenten und/oder sogenannten Alten Herren (Verbindungsmitglieder, die ihr Studium abgeschlossen haben). Der Comment (franz.: "wie") regelt genau, wer sich wie bei einer Kneipe zu verhalten hat.

Einige Auszüge aus dem Comment einer Verbindung machen dieses disziplinierende und teilweise entwürdigende Regelwerk deutlich:

§ 51: Verstoß gegen den Comment, namentlich Störungen der Ordnung, werden mit Bierstrafen geahndet.

§ 52: Wird jemand zu einem Quantum verdonnert, so hat er es immer sofort und ohne Widerspruch zu trinken.

Postkarte 1905 : "EX!."


Begründung kann erst nach dem Trinken verlangt werden. (...) § 57: Bei grobem Verstoß wird der Bierverschiß verhängt. Bierverschiß ist der Aufenthalt abseits von der Kneipentafel auf einem Stuhl, der auf einem Tisch steht, und dem Ausschluß von allen Bierfunktionen und dem Biergenuß. Ebenso darf das Bierschwein (der Bestrafte) weder rauchen noch reden. Er ist nicht mehr bierehrlich..."[2]

Auf den Abbildungen einiger Postkarten findet sich immer wieder ein geheimnisvolles Zeichen, der § 11, das in keinem erkennbaren Zusammenhang mit dem Motiv steht.

Erst das Regelwerk der studentischen Verbindungen bei ihren Trinkveranstaltungen hat den Zusammenhang hergestellt. § 11 bedeutet "porro bibitur", kommt aus dem lateinischen und heißt. "es wird fortgesoffen" oder "es darf weiter getrunken werden".

Der Affe symbolisiert die tierische Seite des Menschen und steht für Trunkenheit. Der in diesem Zusammenhang benutzte Begriff "einen Affen haben" hat sich in der Sprache der Drogenszene zu seinem Gegenteil verwandelt; dort bedeutet er nämlich "einen Entzug haben".


Postkarte von 1903: Bierkrug "Mensch, Ärgere dich nicht!"

Postkarte 1910 : "Verflucht sei alle zoologie, - Tiefer bohrt auch noch das Affenvieh, - der Kater plagt mich, was er kann, - O Harung, nimm dich meiner an!"

Postkarte ca.1920 - der Kater am Morgen...

Postkarte 1905 - Vereinsleben: Hochleben...

Postkarte 1903 - Turnerschaft...

Wir finden diesen fatalen Zusammenhang von Rausch, Trunkenheit und Entzugserscheinungen eindringlich dargestellt auf dieser Karte. Welche unerquicklichen Auswirkungen der Suff am nächsten Morgen hat, symbolisieren Kater (Katzenjammer), Raubfisch und Affe, letzterer mit einem überdimensionalen Korkenzieher mit dem er dem Trunkenbold das Gehirn martert.


Etwas weniger drastisch, aber ebenso unmissverständlich präsentiert die folgende Karte den Kater als unbekanntes, "halluzinogenes" Wesen auf der Bettkante des Trinkers nach einer durchzechten Nacht.


Das individualisierte Trinken hat zwar gegenüber dem ritualisierten Gruppentrinken zugenommen, zahlreiche Begrifflichkeiten und Symbole stammen jedoch, wie wir zeigen konnten, aus den Zeiten und Bedingungen des Gemeinschaftstrinken. Mit ihrer eindringlichen Bildhaftigkeit sind diese Kartenmotive ein wichtiges Element zu demonstrieren, wie sich exzessives Trinken für den Mensch negativ auswirkt.


Sich in Gruppen zu treffen und zu trinken diente aber nicht nur der sozialen Unterstützung vor den Folgen individuellen Kontrollverlustes, sondern entsprach auch den Bedürfnissen der Menschen nach Gemeinschaft und geeigneten Treffpunkten und Aufenthaltsorten zur Kommunikation. Die beengten Wohnverhältnisse ließen es für die Masse der Bevölkerung nicht zu, sich zuhause treffen zu können Also schloss man sich in Vereinen, Verbänden oder sonstigen Gruppierungen zusammen und versammelte sich in Gaststätten und (Vereins-)lokalen. Mit der Gründung des Zweiten Deutschen Kaiserreiches 1871 schossen die Vereinsgründungen und Gruppen, die zuvor noch argwöhnisch von  den staatlichen Kontrollorganen beobachtet und teilweise sogar verboten worden waren, wie Pilze aus dem Boden. Es gründete sich sogar ein Verein zur Bekämpfung der Vereinsmeierei![3]


Diese innige Verbindung zwischen Verein und Gaststätte führte z.B. die Verfasser einer Vereinsfestschrift  "125 Jahre Gesangsverein Freundschaft" zu der Feststellung: "Wir müssen auch verstehen, dass Vereinsgeschichte fast immer eine Gastwirtsangelegenheit ist."[4] So kam es durchaus vor, dass die Gastwirte selber auf die Idee kamen, einen Verein zu gründen, um ihren Getränkeabsatz anzukurbeln. Und was für das Dorf galt, war für die Städte kaum weniger bedeutsam: "Für das Zusammenleben im Dorf war und ist das Wirtshaus so wichtig wie die Kirche."[5]

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[1] - "Ohne Wirtshaus gibt es für den deutschen Proletarier nicht blos kein geselliges, sondern auch kein politisches Leben" Zitiert in: Hasso Spode, a, a, O.S. 237

[2] - zitiert in "Falsch verbunden", Reader zum Verbindungs(un)wesen in HH, Hg. Asta der Uni HH, 2005)

[3] So hieß es in einem Artikel der "Winsener Nachrichten" vom 17. 5. 1908: "Nachdem wir es in unserem lieben Vaterland bereits zu einem Verein zur Bekämpfung der Vereinsmeierei gebracht haben, fehlte uns an der vollkommenen Vollkommenheit nichts mehr" - zitiert in: Herbert May, Andrea Schilz: Gasthäuser- Geschichte und Kultur, Petersberg 2004

[4] ebenda

[5] ebenda



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